Blog #50b, Marlene (März 2026, Brasilien Nord Teil II)
In diesem Hippiedorf gibt es keine grossen Sehenswürdigkeiten. Aber die Stimmung und die besondere Aura, die über dem Ort liegt, sind einfach unglaublich entspannt – und genau deshalb lieben wir Pipa sofort.
Der Weg durch die engen Gassen, definitiv nicht gebaut für unser Gefährt, verlangt uns einiges ab. Mit Würgen, Zirkeln und viel Konzentration kämpfen wir uns hindurch. Die eine oder andere neue Schramme reiht sich dabei zu den vielen anderen Spuren an unserer Box – jede mit ihrer eigenen kleinen Geschichte.
Hätten wir uns in der Schweiz irgendwo so durchgequetscht und alle zum Ausweichen gezwungen, hätte man uns vermutlich den Vogel gezeigt, mit schmalen Lippen, kopfschüttelnd den «Schlötterli» hinterhergerufen und wütend geflucht. Hier winken uns die Menschen dagegen mit strahlenden Gesichtern zu, rufen begeistert, was für ein cooles Fahrzeug wir haben, und feiern unsere heile Ankunft fast mit uns mit.
Am Ende stehen wir oben auf der Klippe und finden uns gerade ziemlich gut. Was für eine Aussicht – und was für ein Schlafplatz. Schlafen wollen wir allerdings noch nicht. Kaum ausgestiegen, werden wir bereits von neugierigen Brasilianern umringt, die uns Löcher in den Bauch fragen. Genau diese herzliche Offenheit und ehrliche Neugier mögen wir an den Menschen hier so sehr.
Abends ziehen wir nochmals los, um das lebendige Nachtleben des Ortes zu geniessen. Pipa bietet gerade alles, was unser Herz begehrt: gute Stimmung, feines Essen und wunderschöne kleine Kleiderläden.
Ich bin nämlich schon seit Monaten auf Bikini-Mission. Die Frauen hier tragen extrem wenig Stoff – oben wie unten – und darin fühle ich mich einfach nicht wohl. Ich muss weder den halben Popo präsentieren noch bloss knapp die Nippel bedecken. Da bin ich wohl doch noch ziemlich Schweizerin.
So banal es auch klingt: Ich freue mich tatsächlich, endlich schreiben zu können – Mission erfüllt. Ich habe einen gefunden. Und ja, ich finde ihn richtig schön.
Das fantastische Nachtessen mit Blick aufs Meer und absolut perfekter Musik macht Pipa endgültig zu einem perfekten Ort für uns. Zurück auf unserer einsamen Klippe gibt es noch ein Glas Cognac und dazu eine Zigarre aus Bahia, irgendwo in den Gassen von Salvador gekauft.
Das Leben meint es gerade gut mit uns. Dankbar, müde und glücklich fallen wir später ins Bett.
Wie geplant geht es weiter der Küste entlang – und es ist einfach nur schön und entschleunigt. Schlafplätze finden wir im Nu, oft stehen wir völlig einsam irgendwo am Meer und geniessen einfach das Sein. Wobei … niemand sieht hier meinen neuen wunderschönen Bikini 😊
Die Stadt Natal lassen wir links liegen. Grössere Städte müsste man im Voraus besser organisieren. Die Kriminalität des Landes konzentriert sich stark auf urbane Zentren, und ausserhalb fühlen wir uns deutlich wohler.
Ostern verbringen wir ganz ohne Ostergefühle am Strand – dafür mit immer neuen neugierigen Besuchern, ganz egal woher sie kommen. Abends geht es mit Brasilianern aus der Umgebung, einige sprechen sogar Deutsch, zum obligaten Fleischgelage. Für mich natürlich mit extra vielen Beilagen.
Die Brasilianer essen oft reichlich, feiern gerne und führen ihr gut gefülltes Glas mit erstaunlicher Ausdauer Richtung Rachen.
Cumbuco ist kein Ort, der sich auf den ersten Blick erklärt. Nur wenige Kilometer von Fortaleza entfernt – und trotzdem eine komplett andere Welt. Hier dreht sich alles um den Wind. Wir befinden uns im Kite-Mekka Brasiliens, gewissermassen mitten im Auge des Hurrikans. Ein kleiner, aber wichtiger Ort der internationalen Kiteszene. Hier finden sogar Wettkämpfe der GKA Kite World Tour statt.
Kaum angekommen, steht Dani bereits auf dem Brett und kämpft sich durch die hohen Wellen. Er macht das unglaublich gut – aber was die Einheimischen hier an Showeinlagen bieten, macht mich regelrecht sprachlos.
Der Ort selbst wirkt auf den ersten Blick eher schlicht. Kleine Restaurants, ein paar Pousadas und wenig, das sofort spektakulär erscheint. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir aber doch einige echte Leckerbissen: eine neu eröffnete Kunstgalerie, tolle Restaurants und viele charmante kleine Ecken. Hinter den Häusern erheben sich riesige Dünenlandschaften und idyllische Süsswasserlagunen, eingebettet in wilde Natur. Eigentliche Sehenswürdigkeiten gibt es hier kaum – und trotzdem liegt eine besondere Magie über diesem Ort.
Was sofort auffällt, ist die Mischung der Menschen. Einheimische, die hier ihren Alltag leben, und Aussteiger aus aller Welt, die irgendwann einfach hängen geblieben sind.
Wir lernen unglaublich liebenswerte Menschen kennen. Marcel und seine Familie sind von Bern hierher ausgewandert, um zu kiten, zu arbeiten und ein freieres Leben zu führen. Sie wollten aus dem Hamsterrad ausbrechen, das viele von uns kennen, und leben heute ganz nach dem Motto «weniger ist mehr». Mit ihnen verbringen wir viele Stunden, tauschen uns intensiv aus und führen ehrliche Gespräche. Menschen, denen wir vom ersten Moment an vertrauen und mit denen wir ganz bestimmt in Kontakt bleiben werden.
Dann sind da noch Mirko und Lea – ein unglaublich herzliches Duo. Sie haben sich hier ein kleines Paradies aufgebaut: eine wunderschöne Oase aus verschiedenen Unterkünften, liebevoll gestaltet und voller Wärme. Eigentlich werden wir nur zum Lunch eingeladen. Daraus entstehen am Ende zehn Tage Gastfreundschaft, wie wir sie selten erlebt haben.
Wir essen so gut und gediegen wie schon lange nicht mehr, dazu stehen plötzlich erlesene Weine auf dem Tisch. Es fühlt sich an, als würden wir uns schon ewig kennen. Die Gespräche werden tief, intensiv und sehr persönlich.
Mit Lea mache ich sogar eine ausgedehnte Shoppingtour nach Fortaleza und geniesse den «Girls Day» in vollen Zügen. Währenddessen rast Dani mit Mirko und seinem Can-Am durch die Dünen. So kommen wir alle vier voll auf unsere Kosten.
Falls ihr jemals zum Kiten nach Brasilien reist – meldet euch bei uns. Die Kontakte geben wir von Herzen gerne weiter.
Wir verabschieden uns am Ende ganze drei Mal endgültig. Und trotzdem bleiben wir jedes Mal noch einen weiteren Tag. Irgendwie ziehen wir den Abschied bis zum letzten Moment hinaus.
Schliesslich fahren wir doch weiter. Traurig, aber gleichzeitig voller Vorfreude darauf, diese wunderbaren Menschen irgendwann wieder in die Arme schliessen zu dürfen. Und ja – sogar die drei grossartigen Hunde vermisse ich bereits jetzt.
Exakt 13 Kilometer liegen zwischen den beiden Orten. Warum ich das so genau weiss? Weil wir frühmorgens von Preá nach Jericoacoara joggen.
Hier waren wir als Familie bereits vor 15 Jahren. Und ja – beide Orte haben sich verändert und deutlich ausgedehnt. Die eine oder andere Boutique, Pousada oder Bar ist in der Zwischenzeit definitiv dazugekommen. Unser Nachtlager schlagen wir diesmal in Preá auf. Dort lebt Sabrina mit ihrer Tochter. Sie war damals die Kite-Instruktorin von Luca, und natürlich besuchen wir die beiden.
Zwischen Preá und Jeri liegen eigentlich Welten. Dasselbe Meer, derselbe Wind und dasselbe Licht – und trotzdem fühlen sich die Orte komplett unterschiedlich an.
Preá wirkt noch immer ruhig, unfertig und deutlich ursprünglicher. Jeri dagegen ist längst ein Begriff geworden. Ein Ort, der sich selbst gefunden hat – mitsamt allem, was dazugehört. Die sandigen Gassen von früher existieren zwar noch, aber alles ist heute wesentlich touristischer.
Wir werden morgens um sieben, wirklich alle paar Meter, von Tourenanbietern, Strassenverkäufern oder irgendwelchen durchfeierten Gestalten angesprochen. Die ausgezehrten Gesichter mancher Drogenkonsumenten begegnen uns frühmorgens erstaunlich häufig. Wobei die meisten Touristen um diese Uhrzeit natürlich noch schlafen – und in der Regenzeit ohnehin weniger unterwegs sind. Abends sieht das Ganze bestimmt wieder anders aus, wenn die Gassen voller Menschen sind und die Stimmung brodelt.
Uns gefällt Jeri trotz allem noch immer. Für ein paar Stunden jedenfalls. Ich glaube, wer zum ersten Mal hierherkommt, fühlt sich auch heute noch schnell wohl. Und wer sucht, findet vermutlich sogar noch ein bisschen vom ursprünglichen Jericoacoara.
Uns persönlich gefällt Cumbuco allerdings besser. Nicht unbedingt, weil es schöner ist – sondern weil es sich dort irgendwie nach Ankommen angefühlt hat.
Abends sind wir mit Sabrina verabredet. Allerdings ist ihr Quad – hier fährt gefühlt jeder so ein Teil – gerade schlecht gelaunt und springt nicht mehr an.
Kaum angekommen, machen wir also zuerst unsere «Hütte» wieder abschleppbereit und ziehen den Buggy kurzerhand mit dem Unimog ab. Prioritäten werden hier offensichtlich neu definiert.
Später beim Pizzaessen lassen wir uns gemeinsam von den Mücken zerstechen und plaudern über die letzten Jahre, als hätten wir uns erst gestern gesehen.
Leider können wir nicht allzu lange bleiben. Unser Schiff legt schon in wenigen Tagen ab.
Etwas ab vom Schuss liegt dieser kleine Ort im Bundesstaat Piauí. Barra Grande lebt – wie die bereits erwähnten Dörfer – vom Wind und vom Meer. Im Gegensatz zu Jeri oder Cumbuco geht es hier jedoch deutlich ruhiger zu.
Noch wirkt die Gegend verschlafen und zieht kaum Massentourismus an. Wahrscheinlich verirren sich vor allem Kiter hierher. Kleine Pousadas, nette Restaurants und eine angenehm unaufgeregte Stimmung machen den Ort für uns zu einem perfekten Rückzugsort ohne grosses Tamtam. Möglicherweisen ein Jeri 2.0.
Am Wochenende braucht es allerdings etwas Planung, denn die Brasilianer lieben es, bis in die frühen Morgenstunden zu feiern.
Zügig kommen wir von Barra Grande vorwärts, wobei die Strasse stellenweise ein kleiner Albtraum ist. Es wirkt fast so, als hätten manche Menschen absichtlich riesige Löcher in den Asphalt gehämmert, nur um danach am Strassenrand mit der Schaufel in der Hand Geld zu verlangen. Nun ja – da die Löcher inzwischen so tief sind, dass auch der motivierteste Schaufler daran nichts mehr ändern kann, bleibt unser Geld dort, wo es ist.
Langsam nähern wir uns dem Amazonasdelta. Vorher möchten wir allerdings noch einen Abstecher zu den «kleinen Lençóis Maranhenses» machen. Hier ist der Massentourismus noch nicht angekommen. Kein Eintritt, keine Tickets – nur Sand, Wind und Weite.
Bereits die Anfahrt über den Strand entlang der hellgelben Dünen ist eindrücklich. Die letzte Hürde, eine steile Düne, schaffen wir erst im zweiten Anlauf. Mit extrem wenig Luft in den Reifen kämpfen wir uns hoch bis auf den Kamm – UND sind komplett sprachlos.
Mir rollen tatsächlich Tränen über die Wangen. Selten habe ich etwas so Grossartiges gesehen. Ausser vielleicht mich selbst im Spiegel.
Lange stehen wir staunend am Rand dieses Naturwunders und fotografieren wie verrückt. Was für ein Glück, dass das Wetter mitspielt. Die glasklaren Süsswasserlagunen sind jetzt während der Regenzeit wunderbar gefüllt und leuchten dank des blauen Himmels intensiv türkisblau. Eine Szenerie wie aus einem Film oder einer Postkarte.
Wir laufen ein Stück hinein. Der feine Sand zieht sich weich über die ganze Landschaft und findet zuverlässig seinen Weg in jede einzelne Ritze – wirklich jede.
Nachts wird es hier vollkommen dunkel und unglaublich still. Kein Motorengeräusch, keine Stimmen, nichts. Nur der Wind zieht sanft durch die offenen Fenster. Für einen Moment fühlt es sich tatsächlich so an, als wären wir ganz alleine auf der Welt.
Die Lençóis Maranhenses im Bundesstaat Maranhão gehören zu den ungewöhnlichsten Landschaften, die wir bisher gesehen haben. Auf rund 1’500 Quadratkilometern erstreckt sich ein scheinbar endloses Dünenfeld, das auf den ersten Blick wie eine Wüste wirkt – dabei ist es eigentlich das genaue Gegenteil.
Über Jahrtausende transportieren Flüsse Sand aus dem Landesinneren an die Küste. Der Wind formt daraus sanfte, wellenartige Dünen. Während der Regenzeit füllen sich die Senken zwischen den Dünen mit Wasser und es entstehen tausende glasklare Lagunen, die in intensiven Blau- und Grüntönen schimmern. Einige Monate später verschwinden sie wieder. Die Landschaft erfindet sich jedes Jahr aufs Neue.
Wir erleben die Lençóis aus der Luft – in einer kleinen Cessna, gestartet in Barreirinhas. Erst aus dieser Perspektive wird uns bewusst, wie riesig und gleichzeitig surreal dieses Gebiet tatsächlich ist. Von oben wirken die Dünen wie weisse, weich gefaltete Stoffbahnen. Dazwischen liegen unzählige Wasserflächen, ohne erkennbare Strukturen oder Orientierungspunkte – einfach nur Weite.
Dazu haben wir unglaubliches Wetterglück. Klare Sicht, perfektes Licht und Lagunen, die in sämtlichen Farben leuchten. Die Kontraste zwischen Sand und Wasser wirken fast unwirklich intensiv. Bei Wolken oder flachem Licht verliert diese Landschaft offenbar viel von ihrer Magie.
Den Flug buchen wir übrigens nach Wetter-App. Nicht gerade hochwissenschaftlich – aber diesmal passt es perfekt.
Die Lençóis sind kein Ort, den man einfach schnell versteht oder abhakt. Eher ein Naturphänomen, das man auf sich wirken lassen muss. Und vielleicht liegt genau darin ihre besondere Faszination.
Rund um Pinheiro verändert sich die Landschaft spürbar. Alles wird flach, wasserreich und von Kanälen sowie überschwemmten Flächen durchzogen – genau das Terrain, in dem seit Generationen Reis angebaut wird.
Hier in der Baixada Maranhense ist Wasser kein Hindernis, sondern Voraussetzung. Die Felder liegen oft halb unter Wasser, dazwischen wachsen junge, sattgrüne Reishalme, die sich im Wind bewegen, während Reiher und andere Vögel nach Nahrung suchen. Der Anbau wirkt weniger geordnet als in Asien. Keine Terrassen, keine perfekte Geometrie – eher weite, natürliche Flächen, die sich dem Rhythmus der Jahreszeiten anpassen, je nachdem, wie hoch das Wasser gerade steht.
Immer wieder begegnen wir Wasserbüffeln. Robuste, ruhige Tiere, perfekt angepasst an diese Umgebung. Gelassen waten sie durch die Felder, stehen bis zum Bauch im Wasser oder liegen träge im Schlamm. Man versteht sofort, warum sie hier so wichtig sind. Sie kommen mit Bedingungen klar, bei denen andere Nutztiere längst kapitulieren würden.
Die Strassen führen oft nur so weit, bis das Wasser wieder übernimmt. Danach beginnt ein anderer Rhythmus des Reisens. Kleine Fähren, einfache Holzboote, manchmal kaum mehr als eine Plattform mit Motor, transportieren Fahrzeuge, Menschen und Waren über die unzähligen Wasserarme und verbinden die Region miteinander.
Auch wir legen etliche Kilometer auf einer solchen Fähre zurück und bekommen dabei einen ersten Vorgeschmack auf den Amazonas. Alles wirkt langsamer, ruhiger und entschleunigt sich fast automatisch. Genau dadurch haben wir Zeit, die ganze Szenerie bewusst aufzunehmen.
Und tatsächlich entdecken wir auch die roten Ibisse. Leider liegt unsere Kamera irgendwo tief vergraben und wir schaffen es nicht, sie rechtzeitig hervorzukramen. Fotografisch können wir diesen Moment also nicht festhalten. Aber glaubt mir: Diese Vögel sind wirklich knallrot, gross und wirken fast ein wenig wie Flamingos.
Belém selbst ist laut, warm, chaotisch und lebendig – und genau deshalb so spannend. Die Stadt ist keine Schönheit auf den ersten Blick, aber sie hat Charakter. Zwischen kolonialen Fassaden, Marktständen, hupenden Motorrädern und tropischer Schwüle pulsiert das echte Amazonien. Hier beginnt nicht nur geografisch der Norden Brasiliens – hier beginnt auch eine andere Welt. Belém ist das Tor zum Amazonas. Rau, bunt, widersprüchlich und voller Leben.
Unser Tag ist mit Pendenzen gefüllt. Der Schweiss fliesst in Strömen und das Geld verschwindet gefühlt im Minutentakt. Wir brauchen gerade einiges – dafür sollte danach hoffentlich wieder etwas Ruhe einkehren.
Früher als erwartet sind wir mit allem durch und beschliessen, die Stadt nochmals zu verlassen, um eine letzte Nacht am Amazonas zu verbringen. Die Strassen werden zunehmend enger, die Häuserfassaden einfacher und heruntergekommener. Die leeren Augen vieler Drogenabhängiger nehmen sichtbar zu. Sind wir da gerade in eine Favela hineingefahren? Falls ja, dann in eine friedliche. Wir fühlen uns jedenfalls nie unwohl.
Und am Ende werden wir sogar mit einem traumhaften Ort belohnt. Mitten im Grünen, direkt an einem weissen Sandstrand, finden wir einen wunderschönen Stellplatz. Wettertechnisch haben wir ebenfalls Glück. Der Regenwald lässt uns nachts bereits erahnen, was uns noch erwartet. Es quakt, zirpt und scharrt rund um uns herum.
Am nächsten Morgen springt plötzlich der Motor nicht mehr an. Oha. Die neuen Starterbatterien, die erst vor fünf Monaten im Container aus Deutschland angekommen sind, geben bereits den Geist auf. Teuer waren sie – und trotzdem nichts wert. Die günstigen Batterien aus Indien hielten immerhin zwei Jahre und kosteten nur einen Bruchteil davon. In vielen Bereichen läuft uns Europa inzwischen davon. Wir sollten langsam Gas geben – falls es nicht ohnehin schon zu spät ist.
Beim ersten Batteriehändler, der am 1. Mai geöffnet hat, werden wir tatsächlich fündig. Nicht optimal, was wir da einbauen, aber definitiv besser als der Schrott, mit dem wir aktuell herumfahren.
Nun geht es zügig weiter Richtung Hafen. Wir verschiffen nach Macapá – mitten durch einen kleinen Teil des Amazonasbeckens.
Pünktlich legen wir vom schäbigen Hafen ab – die Fähre selbst macht immerhin einen leicht besseren Eindruck. Das ist ja schon mal die Hauptsache. Nur eine Handvoll Autos und etwas mehr Passagiere beleben das Schiff. Wir freuen uns auf 30 Stunden Schifffahrt.
Schon bald verschwindet die Silhouette von Belém im Dunst, und im wolkenverhangenen Abendhimmel färbt ein spärliches Rot den Sonnenuntergang. Wir bleiben oben auf dem Deck im Fahrtwind sitzen, bis uns irgendwann die Müdigkeit überrollt.
Unsere Route führt durch unzählige kleine Nebenarme. Am schönsten wird es immer dann, wenn der Fluss enger wird. Wir können den Regenwald hören, riechen und beinahe anfassen. Es fühlt sich an, als würden wir direkt an einer riesigen grünen Wand entlangfahren. Stundenlang sitzen wir einfach auf unseren Stühlen und lassen die Landschaft wie einen Film an uns vorbeiziehen.
Immer wieder tauchen kleine, lebendige Siedlungen auf. Kinder rudern in wunderschön bemalten Holzbooten wild auf unsere Fähre zu – vermutlich in der Hoffnung, dass jemand etwas ins Wasser wirft. Wir vermuten, dass viele Menschen hier vom Açaí-Anbau leben und ihre Nahrung in kleinen Gärten selbst anbauen. Hungern scheint hier jedenfalls niemand zu müssen – eher das Gegenteil.
Heute ist offenbar Waschtag. Praktisch überall flattern bunte Wäschestücke an gespannten Leinen entlang des Ufers. Überraschenderweise fällt während der gesamten Überfahrt kein einziger Tropfen Regen.
Uns gefällt diese Reise super gut. Dazu kommt die nette Gesellschaft neugieriger Mitreisender, die immer wieder zu uns herüberkommen. Endlich können wir unsere paar Brocken Portugiesisch tatsächlich brauchen.
Viel zu schnell erreichen wir Macapá. Ehrlich gesagt hätten wir locker noch ein paar Tage auf diesem Boot verbringen können. Es ist einfach wunderschön mitten in dieser Wildnis.
Die Fähre entlässt uns seitlich über eine schmale Rampe aus ein paar Holzbrettern. Wird schon irgendwie gehen. Dani manövriert unseren Unimog souverän hinaus – und schon rollen wir wieder über die Strassen Amazoniens.
Wir folgen Milton und seiner Familie. Zum Nachtessen sind wir bei ihnen in Santana eingeladen. Und ja – ich mag die Musik der Band Santana tatsächlich sehr.
Natürlich möchten sie, dass wir bei ihnen im Haus schlafen. Wie immer winden wir uns freundlich aus der Situation heraus und geniessen stattdessen brasilianische Gastfreundschaft, intensive laute Gespräche und das herrliche Chaos einer Grossfamilie. Wir zwei mittendrin – und irgendwie passt es perfekt.
Kugelrund vollgegessen und Dani leicht beschwipst, lösen wir uns spätabends schliesslich doch noch los, und fallen müde in unsere Kissen.
Am nächsten Morgen gibt es selbstverständlich noch ein Zmorge, bevor uns ein herzlicher Abschied wieder zurück auf die Strasse entlässt.
Es gibt Orte, die mehr sind als nur ein Punkt auf der Landkarte. Macapá ist genauso ein Ort. Hier, am nördlichsten Rand Brasiliens, verläuft der Äquator. In Macapá wechseln wir nicht einfach die Stadt oder den Bundesstaat – wir wechseln die Erdhalbkugel.
Das bekannteste Wahrzeichen der Stadt ist der Marco Zero do Equador. Dort markiert ein Monument die Linie, die unseren Planeten in Nord und Süd teilt. Ein Schritt – und wir stehen mit einem Bein auf der Nord- und mit dem anderen auf der Südhalbkugel. Viel passiert dabei nicht. Kein Schwindel, kein magischer Moment. Und trotzdem fühlt es sich speziell an.
Macapá liegt direkt am Amazonas, kurz bevor der gewaltige Strom in den Atlantik fliesst. Die Stadt gehört zum Bundesstaat Amapá und wirkt in vieler Hinsicht wie das Ende der bekannten Welt – und gleichzeitig wie ihr Anfang. Erreichbar ist sie bis heute nur per Schiff oder Flugzeug, denn eine Strassenverbindung ins restliche Brasilien existiert nicht.
Als wir durch die Stadt fahren, merken wir schnell: Macapá ist rau, lebendig und auf ihre eigene Art faszinierend. An der Uferpromenade sehen wir Fischerboote, Marktstände, Flussschiffe und den Amazonas, der hier eher wie ein Meer wirkt als wie ein Fluss.
Über der Stadt erhebt sich die Fortaleza de São José, eine portugiesische Festung aus dem 18. Jahrhundert. Von dort blicken wir weit über den Fluss und verstehen sofort, warum dieser Ort einst strategisch so wichtig war.
Macapá ist heiss, feucht, chaotisch und nicht immer schön. Aber genau das macht die Stadt echt. Für uns wird die Überquerung des Äquators mehr als nur ein geografischer Wechsel. Es ist ein stiller Moment zwischen zwei Hälften der Welt – und einer, den wir nicht vergessen werden.
Kurz vor Oiapoque tauchen sie plötzlich auf: Schilder am Strassenrand mit dem Hinweis auf geschütztes indigenes Gebiet. Links und rechts der Piste beginnt das Territorium von Uaçá – ein Name, der für viele nur ein geografischer Hinweis ist, für andere jedoch Heimat, Geschichte und Identität bedeutet.
Hier leben vor allem die Palikur, Karipuna und Galibi-Marworno – indigene Gemeinschaften, deren Alltag heute weit mehr ist als das Bild vom «Leben im Urwald», das viele noch immer im Kopf haben. Das Leben in Uaçá bewegt sich zwischen zwei Welten: zwischen Dorf und Stadt, Tradition und Moderne, Wald und Mobilfunknetz.
Viele Familien leben in den sogenannten Aldeias, den Dörfern. Dort wird gefischt, Maniok angebaut, gejagt und im Rhythmus der Natur gelebt. Gleichzeitig ist der Alltag eng mit Oiapoque verbunden. Für Einkäufe, Behördengänge, medizinische Versorgung oder weiterführende Schulen fahren viele regelmässig in die Stadt. Das Leben hier ist also keineswegs abgeschieden, sondern pendelt ständig zwischen indigener Lebensweise und brasilianischem Alltag.
Auch die Kinder gehen zur Schule. In den grösseren Dörfern findet Unterricht statt – teilweise auf Portugiesisch, teilweise in der eigenen Sprache. Das Ziel ist klar: lesen, schreiben und rechnen lernen, ohne dabei die eigene Kultur zu verlieren. Moderne Bildung und kulturelle Identität sollen nebeneinander bestehen. Für höhere Schulen oder Ausbildungen führt der Weg allerdings meist nach Oiapoque oder noch weiter.
Die medizinische Versorgung existiert, bleibt jedoch begrenzt. Für einfache Behandlungen gibt es Gesundheitsstationen, bei ernsteren Fällen wird es schnell kompliziert. Dann führt der Weg nach Oiapoque oder sogar bis nach Macapá. Wie so oft im Norden Brasiliens ist nicht das völlige Fehlen von Versorgung das Problem, sondern die enorme Distanz.
Wovon leben die Menschen hier? Vor allem von dem, was Wald und Flüsse hergeben: Fisch, Maniok, etwas Landwirtschaft, Jagd und Handwerk. Dazu kommen staatliche Unterstützung, kleinere Projekte und Handel mit Oiapoque. Reich wird davon niemand, aber es ist ein Leben mit eigener Struktur, eigenem Wissen und einer starken kulturellen Basis.
Romantisch verklärt ist hier nichts. Das Leben ist einfach, oft herausfordernd und nicht frei von Problemen. Schlechte Infrastruktur, begrenzte Perspektiven für Jugendliche und der Druck von aussen – Alkohol, Drogen, Grenzkonflikte oder illegale Nutzung von Ressourcen – gehören auch hier zur Realität.
Und trotzdem lebt Uaçá nicht in der Vergangenheit. Es ist ein Ort, an dem indigene Kultur nicht museal konserviert wird, sondern mitten im Alltag weiterlebt – mit Schule, Handy, Politik, Wald und Fluss. Genau das macht diese Region so spannend: nicht die Vorstellung vom «ursprünglichen Leben», sondern die Realität eines modernen indigenen Alltags mitten im Amazonasgebiet.
Der Magen knurrt und die Klimaanlage streikt – Grund genug, hier nochmals kurz Halt zu machen. Viel zu sehen gibt es zwar nicht, aber Dani bringt die Anlage tatsächlich wieder irgendwie zum Laufen. Zwar mit gelegentlichen Aussetzern, aber immerhin.
Wir sind jedenfalls froh, die schlechten Strassen fürs Erste hinter uns gelassen zu haben.
Spontan beschliessen wir, noch schnell über die Grenze zu rollen und ein neues Land zu erobern.
Brasilien – wir kommen wieder. Ganz bestimmt.
Ich glaube ja, Brasilianer erblicken das Licht der Welt bereits in Flip-Flops. Wirklich jeder trägt sie – in allen Farben, Variationen und Grössen. Ob elegant, halb kaputt oder mit Glitzersteinen versehen: Flip-Flops gehören hier einfach zum Leben.
Lombadas – die brasilianische Vollbremsung
Die berüchtigten brasilianischen Strassenschwellen, die sogenannten Lombadas, stehen wirklich überall. In allen Grössen, Formen und Materialien. Egal wie schlecht die Strasse bereits ist – vor jedem noch so kleinen Dorf taucht garantiert mindestens eine auf. Mühsam? Ja. Aber immerhin bremsen dadurch tatsächlich alle ab, und vermutlich passieren so weniger Unfälle.
Vor kleinen Shops bauen manche Besitzer sogar ihre eigenen Mini-Lombadas. Könnte ja sein, dass jemand abbremst, anhält und spontan noch etwas einkauft. Geschäftssinn auf brasilianisch.
Candomblé – Afrikas spirituelle Wurzeln in Brasilien
Candomblé ist eine afrobrasilianische Religion, die von versklavten Menschen aus Westafrika nach Brasilien gebracht wurde – vor allem aus den heutigen Regionen Nigerias, Benins und Angolas.
Im Zentrum stehen die Orixás – Natur- und Kraftwesen, die verschiedene Elemente wie Meer, Blitz, Wald oder Fruchtbarkeit repräsentieren. Die Religion lebt von Trommeln, Gesang, Tanz und spirituellen Zeremonien. Die Verbindung zur Natur spielt dabei eine zentrale Rolle.
Besonders in Salvador und ganz Bahia ist Candomblé bis heute stark präsent. Frauen in weissen Kleidern sieht man dort überall. Weiss steht für Reinheit und spirituellen Schutz.
Viele Elemente der Religion werden früher mit katholischen Heiligen «überlagert», weil Candomblé lange verboten ist. Dieser religiöse Mix wird Synkretismus genannt.
Acarajé – Streetfood mit Geschichte
Acarajé gehört zu den bekanntesten Strassengerichten Bahias und ist stark afrikanisch geprägt.
Dabei handelt es sich um frittierte Bällchen aus schwarzen Augenbohnen, die in Dendê-Öl ausgebacken werden. Gefüllt werden sie meist mit Vatapá – einer würzigen Creme aus Brot, Erdnüssen, Kokosmilch und Gewürzen – dazu scharfe Sauce und manchmal Crevetten.
Verkauft wird Acarajé traditionell von den berühmten Baianas, den Frauen in weissen Kleidern mit Turban. Ursprünglich ist Acarajé übrigens nicht einfach nur Streetfood, sondern auch ein rituelles Opfergericht im Candomblé.
Motels – nicht ganz das, was wir darunter verstehen
Die zahlreichen Motels entlang der Strassen haben hier übrigens nichts mit klassischen Hotels zu tun. Es handelt sich fast ausschliesslich um Stundenhotels. Wie soll Romantik in brasilianischen Grossfamilien auch sonst funktionieren?
Die Babys entstehen hier also vermutlich nicht im Schlafzimmer neben den Eltern, Grosseltern, Cousins und Hühnern – sondern eher im Stundenhotel. Irgendwie auch verständlich.
Danke, dass du bis zu Ende gelesen hast. Wir freuen uns immer wieder über einen Feedback von dir. Lass es uns wissen, was du denkst und mach uns Vorschläge, über welche Themen wir berichten sollen.
