Blog #50a, Marlene (Februar 2026, Brasilien Nord Teil I)
Zitat: „Was immer du tun kannst oder träumst, es zu können: fang damit an.
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Wir starten unseren Brasilientrip 2.0 in Foz de Iguaçu – genau dort, wo wir den ersten beendet haben. Wir haben lediglich drei Monate Zeit. Unser Ziel liegt ganz im Norden, immer der Küste entlang. Total rund 8’000 Kilometer. Das ist zwar machbar, aber lange verweilen können wir an vielen Orten nicht. Und genau das ist eigentlich schade, denn entlang unserer Route liegen unglaublich viele wundervolle Plätze.
Die ersten rund 1500 Kilometer von der Grenze nach Búzios legen wir in rekordverdächtigen 3,5 Tagen zurück. Die vielen Staus – es ist Karnevalszeit und ganz Brasilien scheint unterwegs zu sein – können unsere gute Laune nicht trüben. Wir hören laute Sambabeats und geniessen den Roadtrip, der mal schöner und mal weniger attraktiv ausfällt. Die endlosen, genmanipulierten Sojafelder hängen uns nach dieser Strecke endgültig zum Hals raus.
Die Nachtplätze – meist Tankstellen – sind eher bescheiden, aber zweckmässig. Dafür können wir uns nachts gut erholen.
Die Gegend um São Paulo und Rio haben wir bereits beim letzten Aufenthalt besichtigt. Dieses Mal zieht es uns weiter in den Norden. Brasilien ist so riesig und ein Visum von drei Monaten gleichzeitig so unglaublich kurz, dass das hier schlicht bedeutet: Gas geben.
Wieder dürfen wir die am Hügel gelegene Villa von Priscila und Michel benutzen. So grosszügig und liebenswert. Eine Woche Ferien in Búzios haben wir fest eingeplant. Es fühlt sich einfach unglaublich gut an, wieder hier zu sein.
Abends treffen wir Markus, den wir bereits von unserem letzten Aufenthalt kennen. Wir geniessen herrliche Gespräche, feinstes Essen und sind einfach nur dankbar. Auch seine beiden Freunde aus Zürich sind eine echte Bereicherung. Danke für die Einladung, lieber Peter!
Natürlich treffen wir auch andere Bekannte wieder – und wenn es passt, dann passt es einfach. Markus und René verwöhnen uns in ihrem wunderschön und mit viel Liebe renovierten Paradies mit einem echten Gourmetschmaus. Wir verbringen viele Abende in bester und abwechslungsreicher Gesellschaft und geniessen es richtig, wieder einmal Schweizerdeutsch zu sprechen.
Die Tage schmelzen nur so dahin – mit langen Strandspaziergängen am frühen Morgen, Marktbesuchen, Planschen im Meer und Ausflügen an den Karneval. Frühmorgens geht es jeweils zum Fischmarkt, wo Dani sich grosszügig mit Langusten und Bärenkrebsen eindeckt. Es ist einfach herrlich, wieder einmal in einer riesigen Küche zu kochen und Platz ohne Ende zu haben. Da macht sogar das Zwiebelschneiden Freude.
Búzios ist kulinarisch ein echtes Highlight und wirkt fast wie eine kleine eigene Welt. Sehr sicher, deutlich teurer als der Rest des Landes, luxuriös und irgendwie wie eine Blase mitten in Brasilien. Uns gefällt es unglaublich gut hier auf der Halbinsel. Am Ende bleiben wir länger als geplant. Das Wegfahren fällt uns hier ziemlich schwer.
Heute heisst es Abschied nehmen, packen und ein letztes Mal unter der Regendusche herumräkeln, bevor wir unsere Körper mit den schneeweissen, dicken und flauschigen Frottiertüchern trocknen. Ein letzter Blick über die Schulter – und definitiv Abschied nehmen von liebgewonnenen Menschen. Einmal mehr merken wir: Genau das ist manchmal die Kehrseite dieser Medaille.
Was für eine wunderschöne Fahrt entlang der Küste. Dichtes Grün wechselt sich mit kleinen Bauernhöfen, Maniokfeldern und Bananenplantagen ab. Endlich keine endlosen Monokulturen mehr – was für eine Erholung.
Mit jedem gefahrenen Kilometer merken wir deutlicher, wie sehr wir das Reisen vermisst haben und dass wir noch wenig Lust auf eine «Homebase» haben. Unser
Abendessen geniessen wir in der ersten Reihe direkt am Meer, umgeben vom Rauschen der Wellen und einer leichten Brise. In der Nacht regnet es, die Luft kühlt angenehm ab und wir schlafen
traumhaft.
Nach einer herrlich einsamen Nacht am Strand von Barra do Furado rollen wir genau dort rund 40 Kilometer dem Meer entlang. Rechts der tosende Atlantik mit seinen hohen Wellen, linkerhand Lagunen und eine wunderschöne Vegetation mit Kakteen, Palmen und allerlei Gestrüpp. So schön – genau so fühlt sich für uns ein perfekter Start in ein neues Adventure an.
Auch wettertechnisch haben wir einen guten Lauf. Wir befinden uns mitten in der Regenzeit, entsprechend wolkenverhangen zeigt sich der Himmel. Dank der vielen Wolken halten wir die Temperaturen aber erstaunlich gut aus, und heftige Regenschauer bleiben grösstenteils aus.
Keine spektakuläre Uferpromenade, keine gestylten Cafés, kein lautes Versprechen von Feriengefühl. Stattdessen erwartet uns ein breiter Flussarm, braunes Wasser, Mangroven am Ufer und Fischerboote, die sich mit der Tide drehen. Unser erster Halt in Bahia ist diese kleine Hafenstadt.
Caravelas gehört zu den ältesten Siedlungen im Süden Bahias. Rund um den kleinen Platz stehen koloniale Fassaden, deren Farben von Salz und Sonne ausgebleicht sind. Vieles wirkt etwas müde – aber nicht leblos. Eher so, als hätte der Ort beschlossen, einfach nicht mehr schneller zu werden.
Auf unserem Spaziergang durch die bunten Häuserfassaden spricht uns ein älterer Herr an. Stolz möchte er uns sein renoviertes kleines Hotel zeigen. Ein wahres Bijou, das er mit unzähligen liebevollen Details ausgestattet hat.
Von Caravelas starten die Boote zum Abrolhos-Archipel – einem der wichtigsten Korallenriffe des Südatlantiks. Zwischen Juli und Oktober ziehen hier sogar Buckelwale vorbei. Unter der Wasseroberfläche beginnt eine völlig andere Welt, während der Ort selbst ruhig am Ufer liegen bleibt. Auf den Ausflug verzichten wir allerdings. Das Wetter passt nicht zum Schnorcheln, und das Meer ist während der Regenzeit zu aufgewühlt.
Später begegnen wir Fernando, dem Besitzer des Boutique-Hotels, nochmals in den Gassen. Er ruft uns zu sich – frische Austern! Offenbar gibt es sie nicht oft. Selbst ich mache eine Ausnahme. Normalerweise esse ich ja nicht besonders gern Lebewesen direkt aus ihrer Wohnung heraus, aber ganz so engstirnig möchte ich dann doch nicht sein.
Und so stehen wir plötzlich mitten auf der Strasse, ohne edles Restaurant, ohne Tisch, ja nicht einmal mit einem Stuhl, im feinen Nieselregen und schlürfen Austern. Überraschend gut sogar: salzig, mineralisch, intensiv. Irgendwie schmecken sie nach Atlantik. Zumindest bilde ich mir das ein.
Zwischen den Wurzeln der Mangroven wachsen diese Austern direkt am Holz. Unscheinbar, grauschwarz, unförmig und in allen Grössen. Die Mangroven bilden ein empfindliches Ökosystem aus Schlamm, Gezeiten und einem wilden Wurzelgeflecht. Dass dort überhaupt Muscheln wachsen, erscheint uns fast wie ein kleines Wunder – eines mehr von den vielen, die wir auf dieser Reise bereits erleben dürfen.
Im kleinen Ort, direkt neben Caravelas, ist das Leben funktional, entspannt und angenehm träge. Netze werden geflickt, geraucht und Tequila geschlürft. Männer sitzen im Schatten unter Palmen und beobachten das Wasser. Der Wind trägt den Geruch von Salz, Diesel und Mangrove durchs Dorf.
Einige Reisende sind mit grossen gelben Bussen unterwegs, organisiert von Oasis Overland oder Dragoman Overland. Junge Leute, jung gebliebene Leute, lange Routen und, wie wir, viel Welt im Gepäck. Gespräche entstehen schnell – über Strassen, Grenzen, Pannen und neue Pläne. Sie bleiben nur eine Nacht im kleinen Fischerdorf. Erstaunlich eigentlich, dass es hier überhaupt noch andere Touristen hat.
Und plötzlich werden wir mit Einladungen nach Australien, Botswana und Tansania überrascht. Mal schauen, ob wir das irgendwann tatsächlich hinkriegen.
Am Strand gibt es Duschen. Wir drehen vorsichtig den Hahn auf – Wasser läuft. Freude herrscht. Ich schamponiere meine Haare ein, alles voller Duschmittel, und genau in diesem Moment: fertig. Kein Tropfen mehr. Nicht wahr jetzt, oder?
Salz, Schaum, Wind – und grosses Gelächter. Improvisation gehört halt dazu.
Der heftige Regen der letzten Tage hatte uns zuvor allerdings schon etwas weniger lustig überrascht. Die Abdichtung, die Dani rund um eine Dachbohrung gemacht hatte, gab nach. Das Wasser fand seinen Weg – nicht tropfend, sondern eher wie ein kleiner Wasserfall – direkt in einen Schrank voller Technik.
Haushaltsrollen wurden zu den Helden des Tages. Zum Glück bemerkte ich es rechtzeitig. Das Wasser lief weiter, suchte sich seinen Weg durch eine geschlossene Klappe bis hinunter in meine Kleiderkisten.
Am nächsten Tag begrüsst uns dafür die Sonne. Alles hängt draussen: Kleidung, Tücher und irgendwie auch die Gedanken. Der Wind trocknet nicht nur unsere Sachen, sondern verarbeitet gleich noch einen Teil des Erlebten mit.
Ich sag’s euch – es ist immer irgendetwas. Wahrscheinlich einfach, damit es uns unterwegs nicht zu wohl wird.
Abends ergänzen wir unsere Hausmannskost mit gegrilltem Fisch im kleinen Strandbeizli – für Dani am Meer natürlich ein absolutes Muss.
Entlang der Küste zu fahren – genau die Strecke, die wir bevorzugen – ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Die Strassen sind kurvig, eng, führen steil bergab und gleich wieder genauso steil hinauf. So gut es geht umfahren wir badewannengrosse Schlaglöcher und überqueren Flussdurchfahrten, die nicht gerade vertrauenserweckend aussehen.
Dani versucht zwischendurch immer wieder zu kiten, aber so richtig will es nicht klappen. Der Wind ist zu instabil, und während einer kurzen Flaute fällt der Schirm unkontrolliert direkt in einen Baum. Grossartig. Wie kriegen wir das Ding bloss wieder runter? Also erst einmal nachdenken, Pläne schmieden und den Rettungsversuch auf den nächsten Morgen bei Ebbe verschieben.
Frühmorgens zieht Dani Neoprenanzug, Wanderschuhe und Kitegurt an. Ein Seil und eine Säge runden das Bild perfekt ab. Wie ein grosser Affe klettert er einige Meter hoch und sägt einen Ast ab. Der Kite fällt etwas tiefer und wir können ihn schliesslich freischütteln. Noch kurz reinigen, trocknen und zusammenlegen – einen kleinen Riss flickt Dani provisorisch mit Panzertape. Läuft wieder.
Den restlichen Morgen verbringen wir damit, Kokosnüsse zu sammeln. Den Saft füllen wir in PET-Flaschen, das Fruchtfleisch landet in einem Behälter. Mühsam und streng ist das Ganze trotzdem. Trotz Messer und Löffel bekommen wir das Fleisch nur widerwillig aus den Nüssen heraus.
Zurück im Auto heisst es für mich: Kokoswasser trinken und das Fruchtfleisch zu Kokosmilch verarbeiten. Was für eine Sauerei. Aber das Projekt endet tatsächlich mit vollem Erfolg. Ein scharfes rotes Curry rundet den Tag perfekt ab, und glücklich mit vollen Bäuchen verschwinden wir später im Traumland.
Im Hippiedorf Cumuru, wie die Einheimischen den Ort nennen, treffen wir auf entspannten Hippieflair, coole Strandbars mit passender Musik und Capoeira tanzende Menschen. Das Meer schimmert in den schönsten Türkistönen und plätschert friedlich vor sich hin.
Hier bleiben wir eine Nacht und geniessen einfach das Dorfleben. Am nächsten Morgen erwartet uns erneut Sonnenschein – was für ein Glück. Die unbefestigten Strassen sind nämlich nur im Trockenen befahrbar. Bei Regen verwandelt sich die rote Erde in eine einzige Schmierseife und ein Durchkommen wäre praktisch unmöglich.
Also nutzen wir die Gunst der Stunde und fahren weiter zum nächsten Ziel. Wie wir hören, soll es eines der letzten wirklich entspannten Küstendörfer Brasiliens sein.
Caraíva liegt dort, wo der Rio Caraíva in den Atlantik fliesst, mitten auf indigenem Gebiet. Die Fahrt dorthin ist bezaubernd, mühsam und teilweise leicht angstregend – hoffentlich lohnt sich das am Ende auch wirklich.
Der Ort selbst ist autofrei und nur mit einem kleinen Boot über den Fluss erreichbar. Unser Auto müssen wir auf einem Campingplatz abstellen. Frei stehen? Keine Chance. Zu eng, zu belebt und längst kein Geheimtipp mehr.
Trotzdem sind wir sofort angetan vom kleinen Fischerort, seiner Hippie-Atmosphäre und der besonderen Aura, die dieser Platz versprüht. Wir schlendern barfuss durch die sandigen Gassen, waten durchs Wasser und saugen die Schönheit des Ortes regelrecht in uns auf. In der jetzigen Nebensaison wirkt alles unglaublich entspannt und überhaupt nicht überlaufen.
Das Abendprogramm hat Dani organisiert. Zum Apéro wünscht er sich Empanadas, danach geht’s ins Sushi-Lokal und anschliessend natürlich noch in die Gelateria. Was für ein romantischer Abend. Fast wie frisch verliebt spazieren wir Hand in Hand zurück zum Pier, wo uns der Gondoliere sicher ans andere Ufer rudert.
Ja, dieser Abstecher lohnt sich definitiv. Uns hat Caraíva richtig gut gefallen.
Am nächsten Morgen geht es schüttelnd und rüttelnd weiter – ihr wisst inzwischen warum. Irgendwann erreichen wir das kleine Dorf Itaporanga, und der Tag entwickelt sich plötzlich ganz anders als geplant.
An einem kleinen Früchtestand werden wir von Renata und Silla angesprochen und spontan eingeladen. Wir werden mit exotischen Früchten, frischen Säften, Tipps und herzlicher Offenheit regelrecht überschüttet. Genau diese unerwarteten Begegnungen sind es, die eine Reise immer wieder besonders machen.
Später führen uns Renata und ein indigener Freund zu einem Ritual der Pataxó. Alleine hätten wir das Dorf niemals gefunden. Der Weg dorthin führt durch hüfthohes, lauwarmes und leicht muffig riechendes Wasser, später setzen wir mit einem kleinen Boot über einen schmalen Fluss über.
Unterwegs erklärt uns der Einheimische vieles über wilde Beeren, Pflanzen und ihren bis heute sehr einfachen Lebensstil. Spannend ist auch zu sehen, wie sie nach Wasser bohren und in unglaublich einfachen Häuschen wohnen.
Das Ritual selbst ähnelt stark jenem, das ich bereits im letzten Blog beschrieben habe – einfach kleiner, persönlicher und weniger touristisch. Für uns ist es ein schönes Erlebnis. Das eigentliche Abenteuer ist allerdings die Dschungeltour dorthin und vor allem der Rückweg im Dunkeln.
Wir stehen an der Küste von Porto Seguro, dort, wo der Atlantik ruhig an den Sand rollt. Genau hier taucht im April 1500 die Flotte von Pedro Álvares Cabral am Horizont auf. Für die portugiesischen Seeleute ist der grüne Hügel des Monte Pascoal das erste Zeichen von Land – ein Moment, der später als «Entdeckung Brasiliens» in die Geschichtsbücher eingeht.
Doch entdeckt ist hier eigentlich nichts. Lange bevor europäische Segel am Horizont erscheinen, leben in dieser Region bereits indigene Gemeinschaften wie die Pataxó. Für sie ist es einfach ein weiterer Morgen an der Küste der Mata Atlântica – bis plötzlich fremde Schiffe ankern.
Kurz nach der Landung wird in der Nähe der erste katholische Gottesdienst auf brasilianischem Boden gefeiert, ein Ereignis, das heute als «Primeira Missa no Brasil» bekannt ist. Gleichzeitig beginnt hier auch eine Begegnung zwischen Kulturen, deren Folgen den Kontinent bis heute prägen.
Was die Portugiesen damals besonders beeindruckt, ist nicht Gold oder Silber, sondern der Duft des dichten Atlantischen Regenwaldes. Der kostbare Brasilholzbaum, der hier wächst und eine intensive rote Farbe liefert, wird später so wichtig für den Handel, dass er dem ganzen Land seinen Namen gibt.
Heute steht der Monte Pascoal noch immer über der Küstenlandschaft, als hätte er diesen Moment vor über fünfhundert Jahren nie aus den Augen verloren.
In Belmonte, einem kleinen kulturellen Städtchen, fühlen wir uns sofort wohl. Nicht nur wegen des Ortes selbst, sondern vor allem wegen des herzlichen Empfangs von Susi und Paulo. Früher war der Fluss hier eine Art Autobahn des Nordens für Händler, Missionare und Abenteurer. Heute liegt er ruhig da und das Wasser aus dem Hochland fliesst träge Richtung Meer.
Susis Bruder Erich ist ein alter Freund von Dani, und kennengelernt haben wir Susi damals bei ihm in Dubai. Susi lebt seit über 40 Jahren in Brasilien und fühlt sich längst als Brasilianerin. Sie ist Künstlerin und betreibt eine wunderschön renovierte Pousada in einem der alten Kolonialhäuser. Dazu kommen noch viele andere spannende Projekte, von denen sie uns begeistert erzählt.
Die beiden leben tatsächlich fast paradiesisch in diesem beschaulichen Ort am rund 1000 Kilometer langen Rio Jequitinhonha. Der Fluss hat hier ungefähr denselben Stellenwert wie der Nil in Ägypten. Entlang des Ufers wächst dichter Dschungel, dazwischen liegen kleine Kakaoplantagen. Genauso eine Fazenda betreiben die beiden selbst. Paulo kümmert sich zusammen mit zwei lokalen Arbeitern um das rund 15 Hektar grosse Bio-Paradies. Wir dürfen sie einen Tag begleiten – und allein der Arbeitsweg ist schon ein Abenteuer, denn das Land ist nur per Boot erreichbar.
Als wir den fruchtbaren Boden betreten, fällt uns buchstäblich der Kiefer runter. Ein Schlemmerparadies vom Feinsten. Acerola-Beeren, Orangen, sizilianische Zitronen, Cajá – eine gelb-orange, unglaublich aromatische Frucht –, Guaven mit grünlicher Schale und rosa Innerem, Jackfruit, Avocados, Bananen, Açaípalmen und noch vieles mehr. Und natürlich das Wertvollste überhaupt: Kakao.
Der Aufwand von der Frucht bis zum Verkauf ist immens und unglaublich zeitintensiv. Das alles hier im Detail zu erklären, würde den Rahmen sprengen. Ihr Bio-Kakao wird teilweise zu Schokolade verarbeitet oder als Nibs direkt an Fabriken verkauft, unter anderem sogar an Nestlé.
Der Dschungel selbst ist voller Üeberraschungen, Geräuschen und Tieren. Es soll hier auch Faultiere geben – leider zeigt sich uns keines.
Die Fazenda ist wie alles bei Susi und Paulo: gepflegt, voller Kunst und einfach traumhaft schön.
Kulinarisch werden wir ebenfalls verwöhnt. Paulo serviert uns die weltbeste Guacamole, dazu variantenreiche Caipirinhas mit Cajá oder Kakaofruchtfleisch. Wir probieren uns quer durch die exotischen Früchte, und obwohl wir von der typischen brasilianischen Hausmannskost mit Fleisch, Bohnen und Reis eigentlich längst satt sind, ist der «Gluscht» deutlich grösser als die Vernunft.
Mit kugelrunden Bäuchen und strahlenden Gesichtern geniessen wir später die Rückfahrt im Boot. Was für ein erfüllter, magischer Tag mit so lieben Menschen.
PS: Die Verpackung ihrer Schokolade wurde übrigens von Susi selbst gestaltet. In jeder Verpackung steckt zusätzlich noch etwas Poesie zum Lesen. Und das Allerwichtigste: Die Schokolade ist unfassbar gut. Ich hoffe wirklich, dass man sie irgendwann auch in Europa kaufen kann.
Wir lernen auch einige ihrer Freunde kennen und sind positiv überrascht, wie stark sich der afrikanische Glaube hier im Alltag widerspiegelt. Viele glauben von Herzen an spirituelle Geister, etwa jene des Meeres, und in zahlreichen Häusern stehen kleine Altäre. Christlich erzogen, aber tief im Herzen mit Afrika verbunden – ist das nicht einfach wunderschön?
Brasilien begeistert uns!
Die Fahrt nach Ilhéus ist teilweise wunderschön. Den Nachtstopp legen wir irgendwo direkt an der Beach ein und fahren am nächsten Tag weiter via Ilhéus zur zweiten Kakao-Fazenda unserer Freunde.
Hier ist es unglaublich ruhig, entspannt und ein Paradies voller Vögel, alter Bäume und tropischer Geräusche. Die Farm ist riesig, und die beiden würden sie gerne verkaufen, weil sie bereits ein neues Projekt im Kopf haben. Für einen Moment überlegen wir tatsächlich, hier sesshaft zu werden. Aber es noch zu früh – wir wollen noch weiterrollen.
Die Tage sind, wie immer wenn wir etwas Zeit haben, mit Herumschrauben und Kochexperimenten gefüllt. Ich versuche mich diesmal an der Brotbaumfrucht. Es wird ganz okay – aber beim nächsten Mal würde ich es definitiv anders machen. Grosszügigerweise dürfen wir uns im Garten einfach bedienen, und so gibt es täglich Biofrüchte in Hülle und Fülle.
Im Atelier darf ich zudem mein tragbares weisses «Moskitonetz» farblich etwas aufpeppen. Nun ja … ich habe wohl etwas zu viel «gepeppt». Frei nach dem Motto: Klotzen statt kleckern. Beim nächsten Versuch würde ich es wahrscheinlich etwas diskreter angehen. Aber gut – es ist bekanntlich noch kein Meister vom Himmel gefallen. Oder wir kennen einfach keinen.
Langsam müssten wir eigentlich wieder mehr Strecke machen. Aber gerade gefällt es uns hier einfach viel zu gut. Also verschieben wir die nächsten «Hardcore-Kilometerfresser-Tage» noch ein wenig nach hinten.
Wann genau? Keine Ahnung. Vor uns liegt noch so viel Schönes.
Mit zwanzig war ich das erste Mal in Brasilien. Damals wollte ich unbedingt nach Itacaré – doch leider verliess mich vorher das Geld, und alles kommt anders als geplant. Nun holen wir das endlich nach.
Heute ist der Ort natürlich deutlich touristischer als früher. Trotzdem sind der Hippieflair, die Schamanen und die hübschen Cafés noch immer genau so, wie es mir gefällt – einfach ganz mein Ding.
Gemütlich gönnen wir uns etwas Feines zum Essen und Naschen, und die eine oder andere Boutique muss ich natürlich trotzdem von innen anschauen. Da ich weder Platz noch wirklichen Bedarf habe, kann ich einfach geniessen und stöbern, ohne etwas kaufen zu müssen. So schön. So stresslos. Nebenbei gibt es kostenlos Brüllaffen zu bestaunen.
Der Duft der Kakaofrucht kommt und geht und begleitet uns inzwischen schon seit fast zwei Wochen. Langsam neigt sich die Ruta do Cacau ihrem Ende zu.
Die Tabakroute im Hinterland, die wunderschön sein soll, lassen wir schweren Herzens aus. Die Zeit reicht einfach nicht. Also beschliessen wir einmal mehr, die Fähre zu nutzen, um etwas Distanz zu machen. Und ehrlich gesagt freuen wir uns auch darauf, auf dem Wasserweg in den Hafen von Salvador einzulaufen.
Dani kann dort auch lokale Zigarren kaufen, ganz ohne Fabrikbesichtigung – was er natürlich ausgiebig nutzt. Ich freue mich derweil bereits auf sternenreiche, moskitofreie Abende. Der Rauch hält die stechenden und summenden Viecher erstaunlich zuverlässig von mir fern.
Der Reichtum aus Zuckerrohr und Sklavenhandel hat prächtige Fassaden hinterlassen – und tiefe gesellschaftliche Spuren. Salvador ist keine Stadt, die wir einfach nur anschauen. Wir spüren sie. In der Seele und unter der Haut.
Wir parken direkt vor dem Elevador Lacerda, dem berühmten Lift, der den unteren mit dem oberen Stadtteil verbindet. Kostenlos und zentraler geht wirklich nicht mehr. Wir hoffen einfach, dass wir hier auch nachts stehen bleiben können.
Schnell aus den Schuhen, die wie immer vor dem Auto stehen bleiben, einmal tief durchatmen – und los geht’s. Plötzlich zuckt Dani zusammen und schaut Richtung Fahrzeugtüre. Grossstädte sind halt nie ganz ohne, und genau das erleben wir gerade live. Meine Birkenstocks, von der Sonne längst verzogen und alles andere als geschniegelt, schmücken plötzlich fremde Füsse. Ein Bettler trägt sie bereits spazieren. Als Dani ruft, schlüpft der Mann blitzschnell wieder in seine eigenen Schuhe und verschwindet. Ich kann nur herzlich lachen. Ganz ehrlich – wem passt schon Schuhgrösse 35?
Der Wind vom Atlantik trägt gleichzeitig Salz und Trommelschläge durch die Gassen. In Salvador stehen barocke Kirchen aus der Kolonialzeit nur wenige Schritte entfernt von Candomblé-Terreiros. Katholische Heilige und afrikanische Orixás teilen sich hier nicht nur Altäre, sondern ganze Weltbilder. Religion ist kein Museum – sie ist gelebter Alltag.
Überall werden Haare zu feinen Zöpfchen geflochten und Souvenirs verkauft. Schönere und weniger schöne – wie halt meistens. Frauen in weissen Kleidern, die berühmten Baianas, verkaufen Acarajé an den Strassenecken. Ihre kunstvoll gebundenen Kopftücher gehören nicht zur Folklore, sondern zu einer lebendigen afrobrasilianischen Tradition. Wobei vieles inzwischen natürlich auch stark auf Touristen ausgerichtet ist. Für ein Foto soll man oft bezahlen. Danke, aber nein danke.
Candomblé ist hier keine Randerscheinung. Es ist Erinnerung. Widerstand. Kontinuität. Baianas, Acarajé, Orixás und Candomblé beschreibe ich übrigens ausführlicher unter der Rubrik «Dies und Das».
Im Pelourinho stehen prachtvolle Häuser aus der Kolonialzeit. Pastellfarben, Stuck, goldene Altäre. Und gleichzeitig ist genau dieser Ort einst Zentrum des Sklavenhandels gewesen. Schönheit und Brutalität existieren hier nebeneinander – sichtbar und nicht versteckt.
Die Musik ist überall. Nicht inszeniert, sondern selbstverständlich. Kinder üben Capoeira auf den Plätzen, Trommelgruppen proben für das nächste Fest, und der Rhythmus scheint direkt aus dem Boden zu kommen. Uns gefällt dieser historische Teil der Stadt unglaublich gut – allein dafür lohnt sich die Reise bereits.
Wir erreichen São Miguel dos Milagres – auf diesen Ort freue ich mich schon länger.
Die Strasse wird schmaler, die Häuser einfacher und das Tempo langsamer. Irgendwann gibt es nur noch Sand, Kokospalmen und dieses besondere Licht, das alles weicher wirken lässt.
Der Ort gehört zur Costa dos Corais, einem langen Küstenabschnitt im Bundesstaat Alagoas. Hier stehen keine Hotelburgen und es gibt keine lauten Strandbars. Stattdessen kleine Pousadas, Fischerboote, Kinder auf Fahrrädern und Hunde, die faul im Schatten liegen.
Der Strand wirkt endlos. Flach, hell, fast weiss. Bei Ebbe entstehen draussen im Meer kleine natürliche Pools – ruhig wie Badewannen. Das Wasser ist warm, klar und bewegt sich kaum. Wir laufen weit hinaus und haben das Gefühl, mitten im Nichts zu stehen.
Clevererweise tragen wir Wasserschuhe, denn es wimmelt nur so von Seeigeln – und die möchten wir definitiv nicht in der Haut haben. Der einzige Wermutstropfen ist die dick aufgetragene Sonnencreme, von der garantiert ein Teil im Meer landet. Umweltfreundlich ist anders. Wenigstens sind Arme und Beine mit UV-Schutzkleidung bedeckt und bleiben so giftfrei geschützt.
Undenkbar eigentlich, dass wir hier einfach übers Riff laufen dürfen. In vielen Ländern wäre das längst verboten. Allerdings liegt das Riff hier täglich mehrere Stunden trocken in der Sonne, weshalb die Korallen wohl nicht mehr oder nur noch teilweise leben.
Am Abend wird es still. Kein Verkehr, kein Lärm. Nur Wind in den Palmen, zirpende Grillen und das Rauschen der Wellen. Die Luft riecht nach Meer und Holzfeuer. Es ist einer dieser Orte, an denen man automatisch langsamer wird, ohne es bewusst zu planen.
Zum Essen gibt es genau das, was die Region perfekt beherrscht: Fisch, Crevetten, Kokosmilch und Dendê-Öl. Eher schwere Küche – oder Tapioca, leicht, lecker und in unzähligen Variationen erhältlich. Einfach, ehrlich und unglaublich gut.
São Miguel dos Milagres ist kein Ort für Aktivitätenlisten. Man kommt nicht hierher, um etwas abzuhaken. Man kommt hierher, um nichts zu müssen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir länger bleiben als geplant.
Unterwegs gibt es immer wieder kleine Pausen. Mal ein kühles Kokosnusswasser schlürfen, mal eine bereits geöffnete Jackfruit kaufen oder einfach exotische Früchte probieren. Wir lieben die riesige Auswahl an reifen, süssen Früchten, und es fällt uns jedes Mal schwer, an schönen Strassenständen vorbeizufahren, ohne kurz die Auslage zu begutachten.
Im Vorfeld haben wir bereits Kontakt mit einer Mercedes-Garage aufgenommen und versucht abzuklären, ob wir den Ölwechsel dort machen lassen können. Die gewünschte Antwort bleibt allerdings aus. Also fahren wir frühmorgens einfach auf gut Glück hin – und alles klappt völlig reibungslos. Ohne Termin, nach 30 Minuten steht der Unimog bereits in der Box umringt von Mechanikern. Unvorstellbar in der Schweiz. Es ist oft der Unimog der uns Türen und Herzen öffnet. Hier einmal mehr.
Nach zwei netten Stunden mit den Mitarbeitenden ziehen wir bereits wieder weiter Richtung Olinda. Wir bleiben auf der Hauptachse entlang der Küste und lassen die Millionenstadt Recife ziemlich zügig hinter uns.
Hier bin ich schon vor Jahren einmal gewesen, und es wirkt fast so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Der Ort fühlt sich noch immer verschlafen und entspannt an. Die warmen, einladenden Farben, die schiefen Gassen und die vielen kleinen Galerien wirken beinahe leergefegt.
Die Hitze hält wohl viele davon ab, die steilen Gassen hoch- und runterzuschlendern. Wobei wir fast überall entlang der Hausmauern etwas Schatten finden, was das Ganze um ein Vielfaches erträglicher macht. Die engen Gassen sind sowieso viel zu schmal für unseren Unimog. Den lassen wir etwas ausserhalb unbeaufsichtigt stehen – kommt schon gut.
1630 kommen die Niederländer, zerstören grosse Teile der Stadt und bauen ihr Zentrum lieber im nahegelegenen Recife auf. Olinda verliert dadurch an Bedeutung – und genau darin liegt heute wohl ihr besonderer Zauber. Der Ort entwickelt sich kaum weiter und wird später als UNESCO-Weltkulturerbe geschützt.
Hinter den bunten Fassaden lebt die Stadt aber weiter. Wäsche hängt in der Sonne, Musik erfüllt die Gassen und Schulkinder schlendern durch die Hitze. Zwischen den Kirchen aus der Kolonialzeit finden sich kleine Ateliers, die hübsches Dies und Das verkaufen.
Vom Hügel aus blicken wir hinunter auf Recife und die Küste. Olinda hat nichts Spektakuläres im klassischen Sinn – und erzählt trotzdem eine Geschichte von Vergänglichkeit und vergangener Zeit.
In einer hübschen Gelateria gönnen wir uns noch ein Eis, während uns der Besitzer kleine Geschichten über die Bewohner des Ortes erzählt. Ein bisschen Gossip als Souvenir sozusagen.
Zurück beim Auto zieht es uns bereits wieder weiter. Wir sehnen uns nach einem einsamen Strand und einfach noch ein wenig Sein.
Die Stadt überrascht uns positiv. Modern, weitläufig und mit einem richtigen Flair für Bewegung. Im Garten eines Lost Place finden wir einen praktischen, zentralen Stellplatz und ziehen nach Sonnenuntergang nochmals los.
Unglaublich – alles ist auf den Beinen und macht Sport. Überall gibt es kostenlose Outdoor-Gyms, Beachvolleyballfelder und viel Platz für Biker, Jogger, Inlineskater und Spaziergänger.
Das motiviert uns sofort, und wir beschliessen, am nächsten Morgen ebenfalls eine frühe Joggingrunde einzubauen. Kurz nach fünf schlüpfen wir in die Laufschuhe – und ich glaube wirklich, mich beisst der Affe. Die ganze Promenade ist für Jogger, Velofahrer und Spaziergänger abgesperrt. Hunderte, wenn nicht gar tausende Menschen sind bereits um fünf Uhr morgens unterwegs.
Entlang der Strecke stehen Fotografen bereit, um die Jogger abzulichten. Kleine Getränkestände versorgen die Frühaufsteher mit Wasser und motivierenden Worten. Täglich wird der gesamte Boulevard zwischen fünf und acht Uhr für Autos gesperrt. Die Stadt gehört in dieser Zeit den Menschen.
Wir reihen uns ein und beobachten neugierig das bunte Treiben. Die Leute hier sind schnell – ich werde eigentlich fast nur überholt. Dani zieht hochmotiviert davon und ist natürlich deutlich flotter unterwegs als ich.
Wauw. Was für eine Stimmung. Was für ein Lebensgefühl – und das wohl jeden einzelnen Morgen aufs Neue.
Um sechs Uhr sind wir bereits zurück, und es hat schon über 30 Grad. Klar beginnt der Tag hier bei Sonnenaufgang. Auch wir stehen inzwischen immer sehr früh auf und geniessen die angenehmen Temperaturen und die ersten Sonnenstrahlen des Tages.
Danke, dass du bis zu Ende gelesen hast. Wir freuen uns immer wieder über einen Feedback von dir. Lass es uns wissen, was du denkst und mach uns Vorschläge, über welche Themen wir berichten sollen.
