Blog #49a, Marlene (Januar 2026, Argentinien / Paraguay Teil II)

Asunción – Weiterfahren unmöglich! Oder doch nicht?

In der Hauptstadt wollen wir unsere Pendenzenliste abarbeiten. Dani sucht Zigarren, ich Nahrungsergänzungsmittel. 

 

 

Dann die Episode des Tages: Wir parken wie alle anderen am Strassenrand. Zehn Minuten später steht ein Mann in Zivil mit einer Notiz da - Parken verboten! Als wir einsteigen wollen, winkt er und zeigt auf den Reifen: Eine Parkkralle blockiert uns. Auf dem Zettel, scheinbar schon 100 Mal kopiert, steht eine Telefonnummer neben der offiziellen eine handgeschriebenen. Das kommt uns seltsam vor.

 

Dani löst die Kralle ohne Anstrengung, doch sie ist mit einer Kette am Stossdämpfer befestigt. Also schraubt er mitten in der Hauptstadt, seelenruhig und unter Kameras, den Stossdämpfer ab, entfernt die Kette und montiert den Dämpfer wieder. Niemand scheint sich für unser Tun zu interessieren. Wir legen die Kralle am Strassenrand nieder und fahren los. Niemand hält uns an.

 

Später beim «Batteriedoktor»: Unsere neuen Batterien aus Deutschland machen Probleme. Miguel kümmert sich geduldig darum, wechselt mehrfach die Säure und testet sie über Tage. Für uns heisst das: nochmals zwei Tage auf der Straussenfarm – es gibt Schlimmeres.

Bisher wurden wir überall durchgewunken. Ob das Entfernen der Kralle noch Folgen hat? Wir glauben kaum, wieso sonst eine private Nummer neben der offiziellen? Man mag uns Frechheit vorwerfen. Doch manches wirkt schlicht nicht koscher oder merkwürdig. Wir bleiben (an-)gespannt.

 

Soviel vorneweg: Unsere Aktion hatte kein Nachspiel.


Hohenau – ein bisschen wie Heimkommen

In Hohenau standen wir bei unserem ersten Paraguay-Aufenthalt bereits ein paar Tage. Und tatsächlich treffen wir wieder Reisende obwohl Regenzeit ist und wir dachten, hier sei kaum jemand unterwegs. Einige kennen wir bereits. So werden die kommenden Tage gefüllt sein mit Werkeln, Fachsimpeln und spannenden Gesprächen.

 

Hierher erwarten wir auch weitere Ersatzteile aus Amerika. Der Besitzer des grossen Parks unterstützt Reisende grosszügig mit Adresse und Organisation, beim Zoll ist das Gold wert.

 

Wir werden wohl einige Wochen bleiben, arbeiten, reparieren und zwischendurch den Pool geniessen. Vor Mitte Februar zieht es uns ohnehin nicht nach Brasilien.

 

Also alles ganz entspannt. Und genau so darf ein neues Jahr beginnen.


Hohenau – Camping Manantial

Seit zwei Wochen stehen wir in Hohenau, einer deutschen Enklave in Paraguay. Man hört überall Deutsch, viele Europäer wandern hierher aus: Selbstversorger, Freiheitsliebende, Idealisten, auch ein paar Aluhüte gibt’s, die meisten auf der Suche nach einem einfacheren, besseren und «preis»werterem Leben. Paraguay wirkt attraktiv: günstig und administrativ überschaubar. Wir drücken allen die Daumen.

 

Hohenau ist auch ein Drehpunkt für Overlander. gute deutschsprachige Handwerker erledigen Arbeiten am Fahrzeug zuverlässig und preiswert. Unser Unimog kriegt neuen Lack am Kühlergrill und Stossstange, die haben im Sandsturm in den Anden arg gelitten.

 

Besonders berührt hat uns die Begegnung mit Dorle und Wolfgang, zwei 86-jährige Schweizer. Seit 58 Jahren reisen sie um die Welt, wach, neugierig und voller Geschichten. Zwei Vorbilder für uns und Hoffnung auf weitere unzählige Abenteuer.

 

Und dann: Es rollt endlich wieder. Nach Wochen auf dem Camping stehen wir frei am Rio Paraná. Baden, Fischer, Kröten, streunende Hunde und dieses vertraute Gefühl von Freiheit.

Dani schraubt weiter an Projekten herum, und der Kühlschrank streikt einmal mehr. Zum Glück haben wir das Ersatzteil dabei. Es bleibt also lebendig bei uns.


Encarnación – die entspannte Stadt

Die Stadt liegt direkt am Río Paraná gegenüber von Posadas in Argentinien. Es ist eine überraschend moderne und hübsche Uferstadt mit Sandstränden und lebendigen Abendveranstaltungen.

 

Wir parken sehr zentral an der Costanera, direkt an der Promenade mit Blick auf den Fluss. Ihr könnt euch das etwa so vorstellen, als stünden wir beim Tramhäuschen am Zürcher Bellevue.

 

Wir verbringen die Tage mit Shopping, ohne etwas zu kaufen, mit feinstem Sushi (es gab auch vegetarische Optionen) und einem Kinobesuch.

 

Wir besuchen die Abendvorstellung im Kino des Costanera Shoppingcenters und schauen uns Avatar 3 in 3D-Qualität an. Endlich mal wieder ein Kinoabend, wir geniessen es sehr.

 

Mit uns sitzt ihr heute Nacht in der obersten Reihe und feiert anhand der Fotos den Karneval mit. Der Karneval von Encarnación ist der grösste und bekannteste Paraguays und überraschend spektakulär.

 

Die Stadt verwandelt sich in eine riesige Sambabühne, und wir haben Tickets für das eigens dafür gebaute Sambodrom. Es ist laut, farbenfroh, und wir bestaunen aufwendige Kostüme und sexy Hinterteile. Hinter uns begleitet ein Feuerwerk die Show, und auf den Rängen tanzen tausende Zuschauer, singen mit und sprühen Schaum auf die Besucher. Einige Gäste, vor allem Männer, erfreuen sich scheinbar mehr am Schaum als am Umzug. Jeder so, wie er will.

 

Es geht nicht nur ums Feiern, sondern auch um Wettbewerb, Choreografien, Kostüme und Wagen werden bewertet.

 

KO und erschlagen fallen wir irgendwann in den frühen Morgenstunden ins Koma und bekommen vom Lärm um uns herum nichts mehr mit.


Jesuitenreduktionen – Glaube und Zuflucht

Mitten im grünen Hügelland von Itapúa liegen die eindrucksvollen Ruinen der Jesuitenreduktion La Santísima Trinidad de Paraná, heute ein UNESCO-Weltkulturerbe. Im 18. Jahrhundert lebten hier Guaraní-Indigene und Jesuiten in einer ungewöhnlich gut organisierten Missionsstadt mit Kirche, Werkstätten und Wohnhäusern.

 

Viele Guaraní suchten Schutz in den Jesuitenreduktionen, weil sich ihre Lebenswelt im 17. und 18. Jahrhundert dramatisch veränderte. Spanische und portugiesische Kolonisten verschleppten Indigene als Arbeitskräfte in Bergwerke und auf Plantagen. Besonders gefürchtet waren die Sklavenjäger aus Brasilien, die ganze Dörfer überfielen. Bei den Jesuiten fanden sie Christianisierung, aber auch Sicherheit, Nahrung und eine gewisse Selbstverwaltung.


Hohenau – es klebt wie Kaugummi an uns

Zurück in Hohenau stellen wir uns wieder an den Río, geniessen die hoffentlich letzten unglaublich spektakulären Sonnenuntergänge und bestaunen die Riesenkröten. Wir warten, es erstaunt euch wohl nicht mehr, wieder auf ein Paket. Das letzte, bevor wir uns nach Brasilien aufmachen.

 

Den Besuch in Argentinien müssen wir schweren Herzens absagen, aufgrund der erwarteten Lieferung fehlt uns schlicht die Zeit. Schade. Vielleicht kommen wir nie mehr in diese Gegend aber wer weiss schon, was die Zukunft bringt.


Yes – es ist so weit

 

 

 

Wir verlassen Paraguay frühmorgens, doch unser Plan, möglichst zügig die Grenze zu passieren, geht nicht ganz auf. Wir stehen in einem riesigen Stau, der sich zäh wie Schleim im Minutentakt vorwärtsbewegt.

 

 

 

Nach drei Stunden sind wir zurück in Brasilien und freuen uns riesig auf dieses Land.


Dies und das

Eine weitere Sage – ihr wisst, ich liebe diese Geschichten

Auch hier, wie schon in Patagonien, stehen am Strassenrand viele geschmückte rote Häuschen. Davor stapeln sich leere und volle PET-Flaschen. Oft stehen sie irgendwo im Nichts in der Pampa, am Rand der Ruta, in staubigen Dörfern oder am Eingang zu Pässen.

Hinter diesen rätselhaften Altären steckt eine der bekanntesten Volkslegenden Argentiniens: die Geschichte der Difunta Correa.

 

Die Geschichte

Die Legende spielt zur Zeit der Bürgerkriege. Deolinda Correa, so ihr Name, bleibt mit einem kleinen Kind allein zurück, als ihr Mann von Soldaten mitgenommen wird.

Verzweifelt beschliesst sie, ihm zu folgen, zu Fuss, quer durch die trockene Wüste der Provinz San Juan. Sie ist geschwächt, die Hitze ist unerbittlich, Wasser gibt es kaum.

Schliesslich bricht sie zusammen und stirbt an Durst und Erschöpfung.

 

Das Wunder des überlebenden Babys

Tage später finden Hirten ihren Körper und entdecken etwas, das bis heute die Fantasie der Menschen bewegt:

Ihr Baby lebt noch.

Es liegt an ihrer Brust und trinkt Milch, obwohl sie längst tot ist.

Für viele Argentinier ist das ein Zeichen eines Wunders.

Aus Deolinda Correa wird die Difunta Correa, „die verstorbene Correa“.

In der Volksreligion wird sie zu einer Art Schutzheiligen für alle, die unterwegs sind: Fahrer, Fernreisende, Wanderer, Lastwagenchauffeure oder Menschen wie wir, die monatelang mit dem Camper durchs Land ziehen.

 

Warum die Menschen Wasserflaschen bringen

Die Wasserflaschen vor den Altären sind Gaben des Dankes und der Bitte.

Weil sie in der Legende verdurstet ist, bringen die Menschen ihr Wasser um symbolisch „ihren Durst zu löschen“. Gleichzeitig bitten sie um Schutz auf der Reise, um eine gute Fahrt, Glück und Gesundheit.

Viele Autofahrer hupen kurz, wenn sie an einem der Altäre vorbeifahren. Andere halten an, stellen Wasser hin oder bitten um Beistand für eine lange Strecke.

Für mich persönlich hat diese Tradition etwas sehr Berührendes.

Sie erzählt von Fürsorge, Verlust und Hoffnung und davon, wie sich Geschichten über Generationen in ein Land einschreiben.

 

Ein Teil der argentinischen Strassenkultur

Die Altäre der Difunta Correa sind fester Bestandteil des Strassenbildes. Sie stehen für eine Volksreligion, die neben der katholischen Kirche existiert oft viel lebendiger und emotionaler.

Wenn man mit offenen Augen reist, erkennt man:

Jedes dieser kleinen roten Häuschen ist kein kurioses Detail, sondern ein Stück argentinischer Kultur. Und die Wasserflaschen davor? Ein stilles, einfaches Ritual und eine Erinnerung an die Geschichte einer Frau, die ihrem Mann folgte und deren Liebe ihrem Kind das Leben rettete.

Leider werden die PET-Flaschen bei Wind in alle Himmelsrichtungen verweht, und die dadurch entstehende Verschmutzung wirkt teilweise abstossend und traurig.

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