Blog #48, Marlene (November 2025, Osterinsel, Chile)

Zitat: „Man muss das Leben tanzen.“

Autor: Herman Hesse

Rapa Nui - der etwas andere Blog,

denn er erzählt nicht nur von uns sondern mehrheitlich von der faszinierenden Insel.

Einige Fakten:

Die Osterinsel bildet im Pazifik die äusserste südöstliche Ecke des so genannten Polynesischen Dreiecks, mit Hawaii im Norden, Aotearoa (Neuseeland) im Südwesten und eben der Osterinsel im Südosten. Sie liegt rund 3.800 Kilometer von der süd-amerikanischen Küste Chiles entfernt, einsam im Pazifik. Die nächste bewohnte Insel liegt weitere 2073 Kilometer westwärts.

 

Die Hälfte der Inselbewohner sind Nachfahren aus der alten Osterinselkultur. Der Rest stammt hauptsächlich vom chilenischen Festland, eine kleine Gruppe davon besitzt eine andere Nationalität. 

 

Die Insel ist aus drei grossen Vulkanen entstanden, von denen Poike (im Osten) und Rano Kau (im Südwesten) vor rund 700.000 Jahren entstanden sind. Die dritte Vulkanerhebung Terevaka (im Norden) hat sich vor etwa 600.000 Jahren aus dem Meer erhoben. Terevaka hat die drei Inseln dann vor etwa 500.000 Jahren zu ihrer heutigen Form verbunden. 

Es leben nur etwa 8000 Menschen hier und 7500 davon in der Stadt Hanga Roa. 

Insgesamt sind auf der Osterinsel rund 900 Moai (Ahnenskulpturen) dokumentiert. Bei den Moai auf der Osterinsel handelt es sich um steinerne Monolithen in Menschengestalt mit einem dominanten Kopf, langen Ohren und einem Unterkörper, der bis zu den Lenden reicht. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Statuen männliche Abbilder von Ahnen-wie solls auch anders sein. 

Einreise-Einladungsbrief ausfüllen und los geht’s

Ohne Einladung läuft hier nichts. Wer die Insel besuchen will, braucht ein offizielles Schreiben, das mit einer Hotelbuchung einhergeht. Wir bleiben unserer Linie treu und mieten ein kleines Häuschen mit Garten. Dort können wir schalten und walten, wie wir wollen. Das Einladungsschreiben halten wir beim Check-in dem Beamten unter die Nase, als wäre es der goldene Schlüssel zu einer verborgenen Welt.

 

 

Vorausschauend haben wir die Gebühr für den Nationalpark bereits im Voraus bezahlt. Wir haben unzählige Dokumentationen über die geheimnisvollen Ahnenskulpturen, die Moai, gesehen und sind nun endlich ganz nah dran.

 

 

Nach gut fünf Stunden Flug empfängt uns ein Mix aus polynesischen Klängen und Tänzen, der uns sofort in eine andere Welt katapultiert. Riesige Hibiskusblüten leuchten um die Wette, Bougainvillea rankt in allen Farben und der Duft der Frangipani liegt wie ein Willkommensgruss in die Luft. Zum ersten Mal, seit wir in Südamerika unterwegs sind, wirkt alles so richtig exotisch und wunderschön.


Ein Tänzchen und ein blauer Flitzer

Draussen übernehmen wir unseren kleinen blauen Suzuki, Dani trägt das passende Shirt. Im Nu flitzen wir durch die einzige Stadt der Insel, Hanga Roa, zu unserem Daheim. Wir haben eine gute Wahl getroffen. So ein nettes Häuschen im lokalen Baustil mit einem grossen Garten fühlt sich sofort richtig an.

 

 

Begrüsst werden wir von Hühnern, Gockeln, einer Katze und einem Hund, die hier offenbar regelmässig von Touristen gefüttert werden. Wir machen es wohl einfach genauso. Kaum haben wir unsere wenigen Habseligkeiten verstaut, zieht es uns bereits in die Stadt und weiter einmal um die Insel. Was für ein exotisches Paradies mit einer Kultur, die völlig fremd und faszinierend zugleich ist.

 

 

Wir schlendern am Meer entlang und stehen plötzlich vor unserem ersten Moai. Es ist ein eindrücklicher Moment, dieser grossen Steinfigur Auge in Auge gegenüberzustehen. Endlich sind wir hier und ich freue mich riesig auf all die bevorstehenden Besichtigungen. Den einzigartigen Friedhof neben der Beach nehmen wir auf der ersten Runde gleich auch noch mit.

 

 

Die wichtigsten Kulturstätten haben strikte Einlassregeln. Ohne lokalen Guide geht gar nichts. Tja, da müssen wir wohl in den sauren Apfel beissen, auch wenn der Apfel hier eher nach Tropenfrüchten schmeckt.

 

 

Unterwegs kaufen wir noch ein paar Lebensmittel ein und machen uns auf die Suche nach einem bezahlbaren Guide. Wir werden fündig und buchen für zwei Tage eine Gruppentour mit Luis, allerdings erst für Übermorgen. Zuerst möchten wir ankommen. Wir haben ja Zeit.


Baden am Traumstrand – da kommt wirklich polynesisches Feeling auf

Am nächsten Tag erkunden wir die Insel erneut. Sie ist zwar klein, doch voller Überraschungen. In der Anakena-Bucht stürzen wir uns in die Wellen. Den weissen, feinen Korallensand und das türkisfarbene Wasser können wir schlicht nicht ignorieren. Hinter uns wedeln die Palmen im Wind und über unser Bad wachen die Moai von Ahu Nau Nau. Ein Badeplatz mit Bodyguards aus Stein – wo gibt es das sonst?

 

Die wildere Strandvariante heisst Ovahe. Die Bucht muss man sich erst mit einer Mini-Wanderung verdienen. Sie ist kleiner, der Sand schimmert rötlich und die Brandung hat ordentlich Kraft. Aber ein paar Schwimmzüge gehen auch hier. Wir sind geübte Schwimmer und können es trotz der Wellen wagen. So cool, dass das Wetter mitspielt. Die Temperaturen sind angenehm, im Wasser wie an der Luft.


Kauderwelsch alla Luis-gut gibt’s Google

Die gebuchten Touren absolvieren wir in netter Begleitung anderer Touristen aus sieben verschiedenen Ländern. Luis spricht spanisch und englisch. Als Luis allerdings loslegt, wissen wir nicht ob er noch spanisch oder schon englisch spricht.

 

Verstehen wir plötzlich keine englisch mehr? Wir strengen uns wirklich sehr an, aber seine Ausführungen zu folgen ist für uns sehr schwierig. Egal, wir können abends ja alles nachlesen und ich verstehe seine Erklärungen in Spanisch gar nicht so schlecht.  


Das Ende der Moai-Kultur – ein eingefrorener Moment der Geschichte

Auf Rapa Nui erzählt man sich seit Jahrhunderten von den Lang-Ohren und Kurz-Ohren. Die Lang-Ohren waren die herrschende Elite der Insel, erkennbar an ihrem speziellen Körperschmuck und den bewusst verlängerten Ohrläppchen. Sie führten die grossen Bauprojekte an, organisierten den Transport der Moai und bestimmten über Rituale und Traditionen.

 

Die Kurz-Ohren dagegen waren die arbeitende Bevölkerung. Sie schufteten in den Steinbrüchen, errichteten die Ahu-Plattformen und bewegten die tonnenschweren Figuren quer über die Insel. Zwischen beiden Gruppen herrscht lange eine fragile Balance, doch mit schwindenden Ressourcen wächst die Spannung – bis sie sich irgendwann entlädt.

 

Wir stehen am Moai-Steinbruch von Rano Raraku, der Geburtsstätte der Moai. Hier fühlt es sich an, als hätte jemand die Zeit angehalten. Überall ragen halbfertige Giganten aus dem Fels. Einige liegen halb aus dem Berg gelöst, andere stehen bereits stolz in der Landschaft, scheinbar bereit für ihre grosse Reise zu den Ahu-Plattformen rund um die Insel. Und doch kommt keiner mehr von der Stelle.

 

Es ist, als ob die Bildhauer von einem Moment auf den anderen ihre Werkzeuge fallen lassen mussten. Der Steinbruch wirkt wie eine riesige Produktionsstätte, die plötzlich stillsteht. Man spürt förmlich die Dringlichkeit jener Zeit, als man wohl versuchte, die Ahnen mit immer grösseren Moai gnädig zu stimmen. Vielleicht hoffte man, die wachsende Not an Ressourcen und den drohenden Konflikt zwischen den Lang-Ohren und Kurz-Ohren noch irgendwie abzuwenden.

 

Doch die Arbeit stoppt abrupt. Die unzähligen Moai stehen hier wie in einem steinernen Stau, bereit für ihre Reise und doch für immer blockiert. Bestellt und nicht abgeholt. Keiner von ihnen hat sein Ziel erreicht. Sie warten immer noch. Stumm, imposant und für uns ein faszinierendes Zeugnis einer Kultur, die einst Grosses schuf und dann genauso plötzlich verschwand.


So viel Geschichte - für so wenig Mensch und Land

Die Geschichte von Rapa Nui ist nicht nur die Geschichte grosser Statuen. Sie ist auch die Geschichte eines Krieges um Ressourcen – und einer Gesellschaft, die daran zerbrach. Vor Hunderten von Jahren war die Insel dicht bewaldet. Die Menschen lebten von Landwirtschaft, Fischfang, Palmwäldern. Doch je mehr Moai errichtet wurden, je stärker die Clans miteinander konkurrierten, desto mehr Ressourcen wurden verbraucht. Bäume wurden gefällt, um die riesigen Steine zu transportieren, um Dörfer auszubauen, um Status zu zeigen.

 

Schließlich verschwanden die Wälder – und mit ihnen die Grundlage des Lebens.

Weniger Holz bedeutete weniger Boote, weniger Fisch, weniger Nahrung.

Zwischen den Clans kam es zu Kämpfen um das, was noch übrig war.

Die Moai wurden gestürzt, die soziale Ordnung brach zusammen.

 

Manchmal wirkt es, als hätte die Menschheit aus solchen Geschichten nichts gelernt. Wir erschöpfen unsere Ressourcen, verschmutzen und zerstören Lebensräume – und reden uns ein, es werde schon gut gehen. Rapa Nui zeigt uns, wie schnell ein System kippen kann, wenn man seine Grenzen ignoriert.

Mich stimmt das einfach nur Traurig.

 

Es ist eine tragische Episode – und zugleich eine erstaunlich aktuelle.


Ahu-Plattformen und ihre Bedeutung

Bei unseren Besichtigungen bestaunen wir die Ahu, jene heiligen Zeremonialplattformen, die oft gleichzeitig Grabstätten der Häuptlinge sind. Die Moai stehen darauf und wachen direkt über den Ahnen, denen sie ihre gewaltige Präsenz verdanken.

 

 

Auf der Osterinsel gibt es rund 250 Ahu-Anlagen, die sich wie ein steinernes Band entlang der Küste ziehen. Viele dienten nicht nur als Ruhestätten der Mächtigen, sondern auch als zentrale Zeremonieplätze der jeweiligen Gemeinschaft. Hier versammelten sich die Clans, ehrten ihre Verstorbenen und baten die Ahnen um Schutz, Regen oder eine reiche Ernte. Auf diesen Plattformen erhoben sich die Moai wie steinerne Hüllen der wichtigsten Ahnen, als sichtbare Verbindung zwischen dem Diesseits und dem Jenseits.

 

 

Doch mit der Zeit verändert sich die Welt der Rapa Nui dramatisch. Ressourcen werden knapper, Konflikte zwischen den Clans nehmen zu und die Machtstrukturen geraten ins Wanken. Der Moai-Ahnenkult, der über Jahrhunderte das spirituelle Fundament der Insel bildet, beginnt zu bröckeln.

 

 

An seine Stelle tritt nach und nach etwas völlig Neues: der Vogelmann-Kult. Er dreht sich nicht mehr um die Ahnen, sondern um eine jährliche, gefährliche Zeremonie auf der vorgelagerten Insel Motu Nui. Mit diesem Wandel verschiebt sich die religiöse Energie der Insel. Die Ahu verlieren nach und nach ihre Bedeutung als aktive Zeremonieplätze. Die Moai bleiben stehen, doch ihr Einfluss verblasst. Der Fokus richtet sich nun nicht mehr auf die Ahnen, sondern auf Mut, Stärke und den direkten Kontakt zur Natur in Form des heiligen Vogelmann-Rituals. 


Politische Stimmen auf Rapa Nui

Schon bei unserer Ankunft fällt auf, wie viele politische Plakate auf Rapa Nui hängen. Worte wie Libertad, No más corrupción oder Rapa Nui decide prangen an Mauern, Pfosten und Hausfassaden. Keine glatten, professionellen Kampagnen, sondern handgemalte Botschaften, die direkt aus der Gemeinschaft kommen.

 

 

Diese Plakate erzählen viel über die Insel. Rapa Nui gehört politisch zu Chile, doch die Rapanui verstehen sich als Volk mit eigener Geschichte, Sprache und Identität. Viele wünschen sich mehr Mitbestimmung, mehr Respekt und mehr Transparenz. Und sie sagen das offen. Politik ist hier sichtbar, nahbar und ungefiltert.

 

 

Was uns besonders berührt:

Die Plakate wirken nicht wie ein Protest aus Wut, sondern wie ein Ruf nach Würde. Es ist der Wunsch, dass Entscheidungen über Land, Kultur und Zukunft nicht in der Ferne in Santiago getroffen werden, sondern hier – dort, wo die Menschen leben, die diese Insel seit Jahrhunderten prägen.

 

 

Man spürt, wie stark die Gemeinschaft ist und wie sehr die Rapanuis für ihre Rechte, ihre Kultur und ihre Unabhängigkeit einstehen.


Der Weg nach Orongo – dort, wo der Wettkampf begann und die Suche nach Makemake ihren Ursprung hat

Abends wandern wir auf den Rand des Vulkans Rano Kau. Oben angekommen fühlen wir uns, als hätten wir eine andere Realität betreten. Die Szenerie ist eindrücklich, beinahe unwirklich. Es scheint, als seien wir die Einzigen, die sich hinaufgetrauen. Weit und breit keine Menschenseele. Nur wir, der Wind, die tosende See, der kleine Kratersee tief unter uns und die langsam einsetzende Abendstimmung.

 

 

Vor uns liegt Orongo, die heilige Stätte des Vogelmann-Kults.

Wir haben vorher darüber gelesen – über den Tangata Manu, den Vogelmann –, doch erst hier, mit dem Wind im Gesicht und dem Abgrund unter den Füssen, begreift man, was das für Menschen gewesen sein müssen. Männer, die sich über die Klippen wagten, um auf der vorgelagerten Insel Motu Nui ein einziges Ei des Fregattvogels und später das Ei der häufiger vorkommende Russeeschwalbe zu erbeuten. Ein Wettkampf, der Mut, Stärke und oft auch das Leben forderte.

 

 

Hier oben spürt man die Präsenz von Makemake, dem Schöpfergott der Rapa Nui, nach dem die Männer suchten und dessen Segen sie durch das heilige Ei zu erhalten hofften. Die Stille wirkt fast ehrfürchtig, als hätte der Ort die Rituale von einst tief in den Fels eingesogen.

In diesem Moment fühlt es sich an, als würde die Geschichte der Insel direkt zu uns sprechen.

 

 

Der Vogelmann-Kult-Märchenstunde mit Madahin:

 

Man erzählt hier, dass der Wettkampf nicht einfach ein Tag war.

Es war ein 200-Tage-Weg, ein spiritueller Prozess.

 

 

Die jungen Krieger, die Hopu, zogen sich in Höhlen zurück,

fasteten, warteten, träumten.

Sie wollten Makemake, den Schöpfergeist, hören.

 

 

Und dann standen sie genau hier –an der steilen Wand von Orongo –

und kletterten hinunter bis zum Meer.

Wenn sie unten ankamen, schwammen sie zu den kleinen Inseln hinaus. Ohne Boot, nur auf einem Bündel Schilf.

Viele schafften es nicht, was uns überhaupt nicht erstaunt. 

 


Der Moment des Vogeleis – und die Rückkehr

 

Auf der Insel Motu Nui warteten sie dann tagelang bis das erste Fregattvogel- bzw. Russeeschwalben-Ei gelegt wurde. Wer ein Ei ergatterte, wickelte es in ein Tuch auf dem Kopf und musste mit dem Ei zurückschwimmen und wieder diese Felswand hoch.

 

Wenn der Hopu oben ankam und das Ei noch ganz war, schrie er den Namen seines Häuptlings hinaus. „Er ist Tangata Manu! Er ist der Vogelmann!“ Der Häuptling war für ein Jahr heilig.

 

Mythen, wie wir sie lieben. 

Rapa Nui – das Paradies mit Schattenseiten

Wenn man an Rapa Nui denkt, sieht man zuerst die Moai, die endlosen Wellen und die wilde, einsame Landschaft mitten im Pazifik. Eine Insel, die wirkt, als hätte die Welt hier aufgehört sich zu drehen. Doch wir sehen hinter der Kulisse eine andere Realität, eine, die man in keinem Reiseprospekt findet.

 

Wir brauchen keine 2 Tage, da bröckelt die Fassade. 

 

Und dann, beim genaueren Hinsehen, noch etwas anderes: Drogenkonsum. Viel mehr, als wir auf einer so kleinen Insel erwartet hätten. Die Menschen hier sprechen nicht gerne darüber, aber es ist unmöglich, es nicht zu bemerken. Junge Männer, die nachts am Hafen herumhängen. Gruppen, die sich an versteckten Ecken treffen. Gespräche, die abrupt verstummen, wenn man näherkommt. Menschen die morgens schon durch die Wege torkeln oder in Schlangenlinien die Strasse entlang kriechen. Gesichter mit leeren Augen und zahnlosen Kiefern gibt’s zahlreich. 

 

Je länger wir bleiben, desto klarer wird:

Rapa Nui ist wunderschön – aber es kämpft.

Die Insel lebt fast ausschließlich vom Tourismus. Jobs sind knapp, Perspektiven für junge Menschen noch knapper. Wer bleibt, hat oft keine echte Wahl – und wer gehen will, muss das Geld dafür erst einmal irgendwo herbekommen.

 

Dazu kommt die komplette Isolation: ein winziger Punkt im Nirgendwo. Alles, was hierherkommt – Lebensmittel, Baumaterial, sogar Benzin – reist Tausende Kilometer weit. Doch was viele nicht wissen: Auch Drogen. Sie kommen über Fischerboote, über Yachten, über Fluggepäck. Wo Nachfrage entsteht, entsteht schnell auch ein Markt.

 

Und dieser Markt ist klein, eng vernetzt – und damit überall sichtbar. Ein kulturelles Trauma, das nie ganz verschwunden ist. Rapa Nui trägt eine schwere Geschichte. Missionierung. Versklavung. Ausbeutung. Der Verlust von Land, Sprache und Identität. Gar von Kannibalismus hören wir.  

 

Das Erstaunliche daran: Es ist keine aggressive Atmosphäre. Nur eine stille, unterschwellige Traurigkeit, die man fühlt, wenn man ein bisschen genauer hinschaut.

Polynesisches Ruderfest auf Rapa Nui – Kraft, Kultur und eine Welle von Mana

Gerade jetzt findet auf Rapa Nui das polynesische Ruderfest statt – die Panamerican Va’a Competition. Teams aus Chile, Brasilien, Venezuela und Panama sind angereist und bringen eine unglaubliche Energie auf die Insel.

 

Dass wir überhaupt in diese Festivitäten geraten, ist reiner Zufall. Nach der anstrengenden Tour mit Luis wollten wir eigentlich nur den Kopf an der Beach auslüften. Doch kaum stehen wir am Strand, wummert bereits der Rhythmus der Trommeln über die Bucht und zieht uns mitten hinein ins Geschehen. Ehe wir uns versehen, schaukeln die Hüften im Takt der lokalen Bands. Der Rhythmus geht direkt ins Herz.

 

Am nächsten Morgen stehen wir schon wieder am Hafen und beobachten die Ankunft der 6er-Männerteams, die ihre Kanus kraftvoll durch die Wellen manövrieren. Der Fokus in ihren Augen und die Eleganz der Bewegung lassen uns staunen.

Trotz des sportlichen Wettkampfs spürt man überall die spirituelle Seite des Va’a. Die Kanus erinnern an die gewaltigen Reisen der Vorfahren über den endlosen Pazifik. Vor vielen Rennen werden Gebete gesprochen und das Meer um Schutz gebeten – ein Moment voller Mana, der uns tief berührt.

 

Wir stehen am Strand, den Wind im Gesicht, und sehen zu, wie sich die Teams ins Zeug legen. Das Fest ist stolz, lebendig und kulturell tief verankert – und wir dürfen mitten drin sein. In Brasilien, wer sich erinnert, durften wir ja selbst einmal in einem polynesischen Kanu mitrudern und wissen genau, wie anstrengend das ist.

 

Als uns irgendwann die Temperatur zu heiss wird, beschliessen wir, im Ozean ein Bad zu nehmen. Was dann passiert, ist schlicht magisch. Plötzlich gleiten zwei grosse Meeresschildkröten direkt an unseren Beinen vorbei, so nah, dass wir sie berühren könnten. Wir lassen es aus Respekt – doch ihr Anblick, ihre ruhige Eleganz und ihr sanftes Dahingleiten bleiben uns trotzdem tief in Erinnerung. Ein unerwartetes, wunderbares Geschenk dieses Tages.


Abschied nehmen – schön war’s

Nach einer Woche voller Eindrücke und unvergesslicher Momente ist es Zeit, die Insel zu verlassen. Wir tragen so viele schöne Erinnerungen im Herzen. Den Schlüssel unseres Häuschens lassen wir wie abgemacht stecken und den blauen Flitzer geben wir seinem Besitzer problemlos zurück. Alles klappt reibungslos, wie zum Abschluss einer perfekt erzählten Geschichte.

 

Wir freuen uns auf unser Daheim und sind heilfroh, als wir tief in der Nacht endlich ins Bett sinken. An Schlaf ist am Flughafen zwar kaum zu denken – zu laut donnern die Vögel über uns hinweg –, aber egal. Hauptsache, das Auto steht sicher und unversehrt an Ort und Stelle.

Heute geht’s mit dunklen Augenringen weiter Richtung argentinische Grenze. Ein neues Kapitel wartet bereits.


Dies und Das

Rapa Nui wirkt auf den ersten Blick wie ein ruhiges Inselparadies, und tatsächlich runden rund 13'000 Pferde und 9'000 Kühe das idyllische Bild ab. Sie gehören hier fast schon selbstverständlich zur Landschaft, traben über Wiesen, stehen am Strassenrand oder äsen am Vulkanhang, als wären sie Teil eines grossen, gemalten Panoramas.

 

Die Tätowierungen der Rapanui haben eine tiefe kulturelle Bedeutung und waren einst ein langer, schmerzhafter Prozess. Oft begann er bereits im Kindesalter, mit acht oder neun Jahren, und wurde erst im jungen Erwachsenenalter vollendet. Die Tinte bestand aus Russ, vermischt mit zerkautem Zuckerrohrsaft. Eine Mischung, die starke Entzündungen verursachen konnte, weshalb manche ihre Tätowierungen nie ganz abschliessen liessen.

 

Ein tragisches Kapitel der Inselgeschichte setzt dieser Tradition ein jähes Ende. Mit den gewaltsamen Entführungen durch peruanische Menschenhändler im Jahr 1863 verlieren die Rapanui viele ihrer kulturellen Säulen. Spätestens aber mit dem Verbot des Tätowierens durch den Missionar Hippolyte Roussel um 1866/67 bricht die alte Sitte endgültig zusammen.

 

Heute erlebt die Tätowierkunst auf Rapa Nui eine Renaissance. Nicht mehr als Zwangsritual, sondern als stolzes Zeichen kultureller Identität. Die stolzen Bewohner der Insel tragen ihre Geschichte förmlich auf der Haut. Fast alle sind mit traditionellen Symbolen tätowiert, die aus einer Zeit stammen, in der Tätowierungen nicht nur Schmuck waren, sondern Identität, Rang und spirituelle Bedeutung ausdrückten. Ihre Sprache hören wir oft im Alltag, und es berührt uns, wie entschlossen sie ihr kulturelles Erbe pflegen und schützen.

 

Viele Menschen hier haben eine natürliche Schönheit, die sofort ins Auge fällt. Polynesische Völker besitzen zudem eine genetische Anpassung an ihre Vergangenheit. Ihr Körper ist darauf ausgelegt, Energie besonders effizient zu speichern, um frühere Hungerperioden zu überstehen. Heute, in einer Zeit mit reichlich Nahrung, führt diese Fähigkeit allerdings dazu, dass viele von ihnen eher kräftig gebaut sind. Ein spannender Kontrast zwischen genetischem Erbe und moderner Lebensweise, der hier sehr sichtbar wird.

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