Blog #47a, Marlene (November 2025, Nord Chile II)

Der Pneu gibt auf. Und wir fast auch.

Viele Tage haben wir es hinausgezögert, doch nun pfeift der Reifen ununterbrochen zum Fahrerfenster hoch. Und natürlich passiert das ausgerechnet jetzt – vor einem langen, steinigen und schmalen Abschnitt über einen Pass hoch bis auf 5’000 Meter. Ich übernehme das Steuer, fahre Slalom um Schlaglöcher und Felsbrocken, während Dani halb aus dem Fenster hängt und den Pneu im Auge behält.

 

 

Unser Ritual: Bei 15 bar auf der Luftdruckanzeige (beim Unimog geht’s bis 18 bar) stoppen, Dani springt raus und pumpt nach. Bei 7 bar winke ich ab, Dani hechtet zurück ins Auto – weiter geht’s. Dieses Spiel wiederholt sich über endlose Kilometer, bis wir endlich wieder auf «erholsame» 4’100 Meter erreichen und der Reifenwechsel realistisch wird.

 

 

Das Aufbocken klappt, der defekte Reifen ist schnell runter, der Ersatz aus der Halterung gelöst. Alles läuft erstaunlich flott – bis wir den Beadlock aus dem indischen Reifen (BKT) herausstemmen wollen. Keine Chance. Also Plan B: Montage ohne Hartgummiring. Doch ohne Beadlock geht der Micheln Reifen nicht auf die Splitfelge – absolut unmöglich. Einer dieser Momente, in denen man sich nur hinsetzt, tief atmet und laut denkt.

 

 

Fazit der Krisensitzung: Der Beadlock muss aus dem alten Reifen raus. Mit neuer Strategie, einem Holzpflock, Pneuhebel und dem Eigengewicht des 80-Kilo-Reifens gelingt es tatsächlich – irgendwie. Doch im Michelin-Ersatzreifen passt der Beadlock nicht mehr. In Indien hatten wir ihn um zwei Zentimeter verjüngen müssen. Kacke!

 

 

Und jetzt? Wieder überlegen. Und wie so oft findet sich die Lösung, diesmal im Schuhkasten. Danis Flip-Flop wird zur Verbreiterung zweckentfremdet. Wir schneiden ihn in Stücke und verschrauben die Teile mit Holzschrauben direkt auf den Gummiring.

 

Kurz vor Sonnenuntergang sitzen wir erschöpft, glücklich und fix und fertig im Warmen.

 

Eine unglaubliche Teamleistung. Ich bin sehr stolz auf uns!


Der gelbe Vulkan in luftiger Höhe

Wir besteigen den Vulkan Irruputuncu auf stolzen 5’000 Metern und allein die Höhe bringt uns bereits ordentlich ins Schnaufen. Damit es nicht zu einfach wird, führt der Weg auch noch durch tiefen Sand und loses Geröll den Hang hinauf. Es ist alles rutschig, gefühlt klettern wir die Strecke doppelt. Oben angekommen erwartet uns ein Spektakel: Der Vulkan bläst gelbe Schwefelwolken in die Luft, die nicht nur stinken, sondern auch in Augen und Lunge brennen – ein echter Augen-zu-und-durch-Moment. Gesund ist das sicher nicht, aber unvergesslich!

 

Die Pause fällt kurz aus, zu beissend ist der Rauch. Dafür geht’s nach unten umso schneller: Wie auf Tiefschnee rutschen wir über den Sandhang hinab und haben dabei den grössten Spass.

 

Unten wartet ein dunkel gekleideter Mann in einem roten Pickup auf uns. An seiner (schusssicheren?) Weste hängt ein Walkie-Talkie, er sieht «wichtig» aus, sagen wir mal so. Er weist uns darauf hin, dass wir uns direkt an der Grenze befinden (was seit Tagen der Fall ist) und dass es hier sehr gefährlich sei: Bolivianos würden angeblich bewaffnet über den Grenzwall kommen, Touristen überfallen und Autos stehlen.

 

Aha!

Wir schauen uns um. Der Wall ist unüberwindbar für jedes Fahrzeug, Touristen verirren sich kaum hierher, und die Wege sind so miserabel, dass selbst wir manchmal zweifeln ob wir da durchkommen. Zudem warten seine Kumpels etwas entfernt in ihren Autos. Die Szene wirkt… nun ja… suspekt.

 

Er fragt, ob die Carabineros hier gewesen seien. Nein, waren sie nicht aber natürlich sagen wir ja. Wir haben hier übernachtet, und es war absolut ruhig.

 

Wir glauben nicht, dass wir in Gefahr sind, sondern eher, dass wir hier jemanden bei irgendetwas stören. Also packen wir gemütlich zusammen und ziehen weiter. Kein Grund, neugierig zu werden, manchmal ist Abstand das beste Sicherheitskonzept.


Ollagüe zum zweiten Mal

Nach drei Wochen Wildnis, Einsamkeit und unglaublichen Abenteuern steuern wir erneut den Grenzort Ollagüe an. Wir wissen inzwischen: Hier gibt es eine heisse, saubere Dusche und einen ruhigen Nachtplatz – mehr Luxus, als man nach so langer Zeit erwarten darf.

 

Am nächsten Morgen geht’s weiter Richtung Calama, vorbei am Carabinero-Kontrollposten. Ihr erinnert euch sicher: das war jener Posten, bei dem wir uns elegant davon¬gestohlen haben. Heute müssen wir nochmals direkt daran vorbei. Unsere Hoffnung: Der Gorilla in Uniform hat frei.

 

Und tatsächlich – Glück gehabt! Ein junger, freundlicher Beamter nimmt sich unserer an, prüft die Pässe, stellt ein paar Fragen und lässt uns entspannt weiterfahren.

 

In Calama steht zunächst eine gründliche Autowäsche an – nach all dem Salz bitter nötig. Danach geht’s wie gewohnt zum Gemüsemarkt, in den Supermarkt, zum Geldautomaten und zur Tankstelle. Auch den Wassertank füllen wir wieder mit teurem, «sicherem» Mineralwasser. Hoffen wir mal, dass es keine Schwermetalle enthält – genug davon nehmen wir hier wohl schon über die Nahrung auf.

Die Wüste ruft – ohne GPS wären wir verloren

Für die Nacht fahren wir in ein abgelegenes Flussbett abseits der Strasse. Nach dem Frühstück äussert Dani den Wunsch, dem trockenen Flusslauf weiter in die steinige Wüste hinein zu folgen. Ich hatte mich innerlich schon auf ein paar Kilometer Asphalt gefreut, aber natürlich willige ich ein. Zum Glück! Die rund 80 Kilometer Offroad-Strecke sind so eindrücklich, dass ich heute froh bin, keinen Widerstand geleistet zu haben.

 

Alleine mitten in der Wüste zu stehen, kennen wir ja schon, doch dieses Gefühl überrascht uns immer wieder: wie klein und nichtig wir hier draussen sind. Stundenlang folgen wir Spuren, die keine sind, ohne einen einzigen Hinweis auf eine Strasse. Am Ende der Ebene öffnet sich vor uns eine farbige Landschaft aus tief eingeschnittenen Schluchten. In der Ferne liegt San Pedro, und wir machen uns an den Abstieg über die schmale, kurvige Strecke in Richtung Valle de la Luna.

 

Unterwegs suchen wir einen Schlafplatz und landen beim «Magic Bus», ein komplett mit Graffitis bemalter, herrlich deplatzierter Bus, der wohl als Touristenattraktion dient. Für uns und einen weiteren Overlander ist er ein perfekter Stellplatz und nachts ein schöner Rahmen für den unglaublichen Sternenhimmel. Etwas schräg, aber irgendwie sympathisch.

 

Tagsüber klettern die Temperaturen mittlerweile auf rund 30 Grad. Es ist Zeit, die kurzen Hosen wieder aus den Tiefen der Kisten hervorzuholen. Nachts wird es angenehm kühl, was wir dankbar annehmen.

 

Am nächsten Morgen rollen wir weiter Richtung Touristen-Städtchen.


San Pedro de Atacama – eine Wiedervereinigung

Nach so vielen Wochen, in denen wir nur gerüttelt und geschüttelt wurden, rollen wir wieder in die Zivilisation hinein und das merkt man sofort an den Strassen. Ein Segen für uns und das Auto. Ich schätze das gerade sehr.

 

San Pedro de Atacama ist ein kleines, faszinierendes Dorf, ein Tor zu einer der eindrücklichsten Wüstenlandschaften der Welt. Auf «nur» 2’400 Metern gelegen, herrscht hier extrem trockenes Klima; manche Gegenden haben seit Jahrzehnten keinen Regen mehr gesehen. Tagsüber heiss, nachts bitterkalt. Die sandigen Strassen, die Lehmhäuser und die Lage machen den Ort einzigartig und leider auch extrem touristisch. Für uns reicht es für kurze Abstecher ins Zentrum; trotzdem behält San Pedro seinen Charme, besonders ausserhalb der autofreien Shoppinggassen.

 

Hier kostet gefühlt alles Eintritt: Lagunen, Täler, Salare, Geysire. Gut haben wir über Wochen all diese Landschaften in ihrer rohen, kostenlosen Pracht gesehen, hier bestaunen wir sie nun auf Plakaten der Touranbieter.

 

Was uns jedoch wirklich anzieht, sind die klaren Nächte. Die geringe Lichtverschmutzung macht San Pedro zu einem der besten Orte für Sternbeobachtung. Für uns ein Novum und wir haben bereits eine Observatorium-Tour gebucht.

 

Besonders freue ich mich über das Wiedersehen mit Emma. Wir haben sie und ihre Familie vor einem Jahr in Thailand kennengelernt und seither Kontakt gehalten. Ihren Mann Jose haben wir im Februar schon in Patagonien getroffen. Dank sozialer Medien ist es heute unglaublich einfach, solche Begegnungen weiterzuführen – meine Brieffreundschaften aus der Jugend sind dagegen alle irgendwann versandet.

 

Wir verbringen harmonische und abwechslungsreiche Tage mit Emma, ihrem Sohn Antu und Freunden. Wir sammeln Obsidiane, pflücken Rica-Rica-Kräuter, lernen, wie man daraus Schnaps brennt, und füllen unsere Bäuche mit Eiscreme und Pisco Sour. Nachts begleiten uns Eselrufe und Hundegebell in den Schlaf. 

 

Wir haben einige Velokilometer in dieser staubigen, heissen Gegend abgestrampelt und die Ruhetage in so netter Gesellschaft sehr genossen.


Ein Blick in die Vergangenheit – unter Sternen, Galaxien und Sternschnuppen

Pünktlich werden wir in der stockdunklen Nacht von unserem Touranbieter abgeholt. Wir haben die Tour bei Freunden von Emma gebucht, ein gutes Gefühl, denn wir wissen, dass wir hier in besten Händen sind. Die Nacht beginnt mit kleinen Überraschungen: Snacks, heisse Getränke, ein herzlicher Empfang. Perfekt.

 

Lasse führt uns durch den Himmel des Südens. Durch die Teleskope erkennen wir Saturn mit seinem feinen Ring, blau, gelb und rote funkelnde Sterne und sogar zwei andere Galaxien. Besonders beeindruckt mich Alpha Centauri – das nächstgelegene bekannte Sternensystem zur Sonne, «nur» 4,37 Lichtjahre entfernt. Von der südlichen Hemisphäre aus ist es als heller Stern gut sichtbar. Ab jetzt werden wir ihn immer wiederfinden.

 

 

Ich bin überzeugt, Dani wusste das alles bereits. Für mich hingegen ist das Universum eine unfassbar faszinierende, fremde Welt. Ich habe schon früher im Blog geschrieben, dass ich mir vieles davon schlicht nicht vorstellen kann. Der Gedanke, dass das Licht, das wir heute sehen, längst vergangen ist und wir niemals wissen werden, wie der Himmel jetzt gerade wirklich aussieht – das finde ich einfach unglaublich.


Über ein paar Umwege – ab an die Küste

Via Antofagasta füllen wir erst unsere Nahrungsmittelreserven auf, dann geht’s endlich zurück an die Pazifikküste. Der Wind bläst kräftig, perfekt für Dani zum Kiten. Ich stürze mich derweil mutig in die Wellen. Mit frisch gewaschenem, lockigem Haar nehme ich die ersten Brecher souverän – bis natürlich eine kommt, die mich gnadenlos überschlägt.

 

Ein kostenloses Gesichtspeeling am Sandboden gibt’s gleich dazu. Prustend, hustend und triefend nass wie ein begossener Pudel torkle ich zurück zum Auto. Ich kann nur über mich selber lachen, die Frisur ist futsch, der Rest ist heil geblieben. Dani, der beim Kiten viel grössere Risiken eingeht, stürzt wahrscheinlich nicht einmal halb so spektakulär. Tja, so läuft’s.

 

Am nächsten Morgen blinzle ich verschlafen aus dem Fenster und sehe eine riesige Delfinschule. Nichts wie raus! Mit dem Fernglas beobachten wir die Jagd des «Flippers». Dazu Robben, und über dem Meer kreisen hunderte Vögel, darunter viele Pelikane. Die Fischschwärme müssen gigantisch sein, was Dani von draussen bestätigen kann, das Wasser brodelt, Fische springen aus den Wogen.

 

Die Strandtage sind allerdings gezählt. Am Samstag wartet unsere Führung durchs «Very Large Observatory».


Das Very Large Telescope – ein Fenster ins Universum

Mitten in der stillen Weite der Atacamawüste, rund 120 Kilometer südlich von Antofagasta, erhebt sich der Cerro Paranal – ein unscheinbarer, rötlich-grauer Hügel aus Staub, Steinen und Wind. Doch hier oben, auf 2’635 Metern über Meer, steht eines der bedeutendsten Observatorien der Welt: das Very Large Telescope (VLT) der Europäischen Südsternwarte ESO.

 

Schon die Fahrt hinauf ist eindrücklich. Je höher wir steigen, desto klarer wird, weshalb genau dieser Ort gewählt wurde: kaum Luftfeuchtigkeit, praktisch keine Lichtverschmutzung und über 300 wolkenlose Nächte im Jahr. Der Himmel wirkt tiefer, die Farben intensiver – als wäre man bereits ein Stück näher am Kosmos.

 

Das Observatorium besteht aus vier gigantischen Hauptteleskopen, jedes mit einem 8,2-Meter-Spiegel ausgestattet. Gemeinsam können sie – dank Interferometrie – als ein einziges virtuelles Teleskop mit einem „Durchmesser“ von 130 Metern arbeiten. Damit erforschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Galaxien, Schwarze Löcher und Exoplaneten in unglaublicher Distanz.

 

Während der Führung spürt man sofort, hier ist alles auf Präzision ausgelegt. Die Kuppeln öffnen sich lautlos, die Spiegel reagieren auf Temperaturunterschiede im Mikrometerbereich. Sternenlicht wird durch Laser und Sensoren geleitet, aufgeteilt, kombiniert, analysiert – ein Tanz aus Physik, Technik und Geduld.

 

Und doch bleibt der stärkste Eindruck ein anderer: die Ruhe. Der Wind, das gleissende Licht, der endlose Horizont und darüber ein Himmel, der nachts so klar erscheint, dass man das Gefühl bekommt, nicht nur ins Universum, sondern tief in sich selbst zu blicken.

 

Der Cerro Paranal ist kein klassischer Touristenort. Er ist ein Symbol dafür, was möglich wird, wenn Menschen Wissen, Neugier und Ausdauer vereinen. Hier treffen Hightech und Demut aufeinander und die Unendlichkeit des Alls auf die stille Weite der Wüste.

Auf dem nächsten gegenüberliegendem Berg entsteht übrigens das Extremely Large Telescope mit einem Spiegeldurchmesser von sagenhaften 39 Metern!


Taltal – wenn die Wüste reden lernt

Nach Wochen voller Wind, Stille und Zweisamkeit in der endlosen Atacama war es so weit: Gesellschaft!

 

In Taltal, diesem verschlafenen Küstenort mit Herz und Geschichte, treffen wir endlich wieder andere Reisende und was als harmloser Abend begann, endete… sagen wir mal: feuchtfröhlich.

 

Zwischen Pisco Sour, Gelächter und endlosen Geschichten über Reifenpannen, Grenzabenteuer und Lieblings-Schraubenschlüssel wurde es laut. Sehr laut. So laut, dass ich heute früh erwacht bin und feststellen musste: Ich bin heiser!

 

Pan de Azúcar – Wüste küsst Meer

 

Nach all der trockenen Stille rund um Paranal fahren wir heute mitten hinein in ein kleines Wunder, den Pan de Azúcar Nationalpark.

 

Schon der Name klingt süss und tatsächlich liegt er da wie eine Zuckerhaube zwischen Felsen, Nebel und Meer.

 

Die Strasse führt durch ein Farbenmeer aus Ocker, Rostrot und Grau, bis plötzlich, fast wie ein Zaubertrick, das Pazifikblau auftaucht.

 

Und dann: dieser Strand! Weiss, fein, pudrig – fast unwirklich nach Tagen voller Staub und Geröll.

 

Zwischen Kakteen, Seehundskeletten und Pelikanen weht ein Hauch Karibik, nur dass statt Palmen stachelige Riesen stehen und die Luft nach Salz, Sonne und Freiheit riecht.

 

Lamas spazieren seelenruhig durch den Sand, als hätten sie das Meer schon immer gekannt. Wir stellen den Unimog ab, hören das Rauschen der Brandung und können kaum glauben, dass wir noch immer in der Atacama sind.

 

Hier trifft Wüste auf Ozean, Stein auf Schaum, Ruhe auf Leben.

Ein Platz, an dem man bleibt – einfach, weil alles andere gerade egal ist.


Playa Inglesia – ein kleiner Fleck Paradies zwischen Felsen und Meer

Feiner Sand, türkisblaues Wasser und ein Hauch von Tourismus – Playa Inglesia wirkt sofort einladend. Kaum aus dem Unimog ausgestiegen, schlendern wir los und lassen uns von den vielen köstlichen Düften in die kleinen Restaurants locken. Unser Magen knurrt, wir werden bestens versorgt.

 

Besonders schön: Wir sind zu viert unterwegs. Susanne und Jens kennen wir noch aus Brasilien – damals hatten wir schon unglaublich viel zu lachen, und genauso ist es jetzt wieder. Es tut gut, ein Stück Weg mit lieben Menschen zu teilen.


Desierto Florido – die Wüste blüht

Wir stehen mitten in der Atacama, dort, wo eigentlich nichts wächst und plötzlich ist alles voller Leben. Zwischen Sand und Steinen leuchten Farben, als hätte jemand mit einem Pinsel über die Wüste gewischt: Rosa, Gelb, Weiss, Violett.

 

Das Desierto Florido ist ein seltenes Wunder. Nur wenn im Winter genug Regen fällt – manchmal nur alle fünf oder zehn Jahre – erwachen Millionen winziger Samen, die jahrelang im trockenen Boden geschlummert haben. Dann verwandelt sich die härteste, trockenste Landschaft Südamerikas in ein duftendes Blütenmeer.

 

Wir wandern staunend durch dieses kurze Aufblühen. Alles wirkt friedlich, beinahe magisch, als würde die Wüste selbst einmal tief durchatmen. Nach vielen Wochen Staub, Trockenheit und karger Einöde ist es eine Wohltat für die Sinne.

 

«Geflasht» fahren wir durch den Nationalpark Llanos de Challe zurück an den Pazifik und finden einen herrlichen Nachtplatz, ausgesucht von unseren momentanen Reisebegleitern Susanne und Jens, die mit ihrem weissen Fuso unterwegs sind.


La Serena – ein Friedhof voller Licht

La Serena ist für uns nur ein kurzer Zwischenhalt. Wir kaufen ein, füllen unsere Vorräte auf und rollen durch die engen Gassen der Stadt, ohne länger zu verweilen. Sobald alles verstaut ist, zieht es uns weiter ins Elqui-Tal – mit dem Ziel, am Stausee zu kiten.

 

Unterwegs geraten wir zufällig auf einen Friedhof, wie wir ihn noch nie gesehen haben. Das Gelände ist weit und offen, und gleich beim ersten Schritt bemerken wir dieses überraschende Spiel aus Licht und Bewegung: Über vielen Gräbern drehen sich kleine Plastikkugeln im Wind. Sie fangen die Sonne ein und werfen blinkende Punkte über Wege, Grabsteine und die kleinen Häuschen, die manche Familien gebaut haben.

 

Zwischen den engen Pfaden stehen bunte Schirmchen, jedes Grab hat seine eigene Farbe, seine eigene Geschichte. Manche Orte wirken fast festlich, andere eher nach stillem Rückzug. Trotz der Grösse liegt eine erstaunlich sanfte Stimmung über dem Gelände – Stille und Lebendigkeit schliessen sich hier nicht aus.

 

Ich ertappe mich bei dem Gedanken: Falls ich mir irgendwann einmal meinen letzten Ruheplatz aussuchen müsste – bitte genau hier.

Bunt, fröhlich rotierend und funkelnd.

Wesentlich sympathischer als ein strenger Friedhof mit Zypressen und endlosen Regeln.


Höhen und Tiefen am Stausee

Am Stausee (Emblase Puclaro) breitet sich kurz etwas Missstimmung aus. Wir finden einfach keinen Zugang zum Wasser. Entweder abgesperrt, zu eng oder – Variante drei – wir sind schlicht zu doof. Beim dritten Anlauf klappt es dann doch. Ab durch einen schmalen privaten Landstreifen. Die kargen Hügel schimmern kupfern im Nachmittagslicht, der Wind bläst kräftig, und Dani zieht schon bald mit dem Kite elegant übers Wasser.

 

Ich sitze währenddessen am Ufer, beobachte das wechselnde Licht, lasse das Tal auf mich wirken und winke Dani zu. Kiten mag ich im Moment nicht, irgendwie fehlt mir gerade der Zugang und der Spass an diesem Sport.

 

Die Hänge des Tals sind gesäumt von endlosen Reihen Moscatal-Trauben, aus denen später das Nationalgetränk Pisco hergestellt wird. Dani hat keine Lust auf eine Besichtigung einer Destillerie, und da ich Pisco eh nicht trinke, ist mir das herzlich egal.

 

Am Abend stossen Susanne und Jens zu uns und versenken ihren Fuso prompt im Sand. Nun heisst es, Ärmel hochkrempeln, schaufeln, Steine heranschleppen und Abschleppseil montieren. Der erste Versuch, ihn rückwärts rauszuziehen, scheitert grandios. Also von vorne. Wir unterlegen Sandbleche, schütten an ein paar Stellen sogar wieder Sand auf und siehe da: Es klappt auf Anhieb. Dani zieht Jens bis auf den festen Untergrund.

 

Endlich kann der Abend beginnen. Das Essen wird geteilt, das kühle Bier schmeckt doppelt so gut nach diesem einstündigen Kraftakt und der Fuso steht wieder dort, wo er hingehört.


Abschied nehmen – Freundschaften auf Reisen

Heute Sonntag trennen sich unsere Wege, und es heisst Abschied nehmen. Wir haben die gemeinsamen Stunden, die spannenden Reisegeschichten und all die Lacher sehr genossen – es war einfach schön.

 

Beim Losfahren wartet jedoch eine kleine Überraschung: Wir stehen gemeinsam vor der Einfahrt und stellen fest, dass uns die Besitzer schlicht eingesperrt haben. Trotz Nachfragen bekomme ich keinen Schlüssel. Also ziehen Dani und ich zu Fuss los, um einen anderen Ausgang zu finden – wir sollten heute eigentlich noch einige Kilometer schaffen, um am Mittwoch am Ziel zu sein.

 

Wie so oft gibt es eine Lösung. Durch einen schmalen Weg mit runterhängenden Stromkabeln können wir bei den Nachbarn raus. Sie öffnen uns ihr Gate freundlich und strahlend – offenbar sind wir nicht die Ersten, die unfreiwillig eingeschlossen ankamen.

 

Wir brausen auf der Autobahn Richtung Santiago… nur um beim Versuch einzuchecken festzustellen, dass wir erst am Donnerstag fliegen.

Teilweise sind Dani und ich schon ein bisschen kopflos und leben einfach so vor uns hin. Tja, kann passieren. Und irgendwie passt es zu unserem Reisemodus: entspannt, etwas chaotisch, aber immer mit Humor.

Dies und Das

Was wird heute geschmuggelt?

Ihr merkt, dieses Thema fasziniert mich. Es ist schlicht unglaublich, dass Menschen sich über diese hohen Berge kämpfen, durch Wind, Schnee und eisige Nächte, nur um ihre Lebensgrundlage zu sichern. Und das mit dem ständigen Risiko, erwischt zu werden… mit nichts weiter als einem Rucksack und einer guten Portion Mut (oder Wahnsinn).

 

Im hochgelegenen Grenzraum zwischen Chile (Region Arica y Parinacota) und West-Bolivien tauchen immer wieder zwei Muster auf:

 

Preisdifferenz-getriebene Waren

Alles, was in Bolivien spürbar günstiger ist als in Chile:

– Treibstoff

– Zucker

– Grundnahrungsmittel

Kurz: Dinge, die im Alltag gebraucht werden und sich hervorragend „unauffällig“ transportieren lassen.

 

Kleingewerbliche Handelswaren

Hier beginnt die kreative Liga:

– Elektronik

– Kleider

– Zigaretten

– manchmal auch Fahrzeuge oder Fahrzeugteile

Also all das, wo durch Steuern und Zölle ein hübsches Preisgefälle entsteht. Die ökonomische Logik dahinter ist simpel: Dort billig – hier teuer.

 

Und während wir gemütlich über die Pisten rumpeln, frage ich mich oft, was wohl gerade um uns herum transportiert wird. Vielleicht sind diese schmalen Pfade gar nicht nur alte Karawanenwege – sondern die heutigen „Autobahnen“ des informellen Handels.

 

 

Wie funktioniert Schmuggel hier eigentlich?

Schmuggel in dieser Region ist selten gross und spektakulär, eher zäh und bodenständig. Er funktioniert so:

 

– lokal organisiert, oft in Familien

– Lasttiere (Lamas, Maultiere) oder kleine Fahrzeuge

– perfekte Ortskenntnis, inklusive Wetter, Bodenverhältnisse und Militärposten

– Transport zu Randzeiten, wenn niemand hinschaut

und natürlich die Abgeschiedenheit der Cordillera, die den Rest regelt.

 

Viele dieser Wege sind jahrhundertealte Routen – damals genutzt von Lamakarawanen, heute von Menschen, die versuchen, die finanzielle Lücke zwischen zwei Welten zu überbrücken.

 

Ein Hauch Sternenkunde

Die Inka glaubten, die Milchstrasse bestehe aus Wasser. Sie komme nachts vom Pazifik, ziehe über den Himmel und entleere sich irgendwo über der Wüste. Ich finde diesen Gedanken wunderschön – poetisch, sinnlich, fast tröstlich. Eine himmlische Wasserleitung sozusagen.

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